Garagenhof Storkower Straße

Liebe auf den ersten Blick –
Der Garagenhof Storkower Straße

Es ist ein heißer Sommertag, die Sonne brennt auf den Garagenhof an der Storkower Straße. Ich habe den Tipp von Freunden bekommen, und fast hätte ich das Gelände nicht gefunden, weil die Sicht von außen durch zahlreiche Bäume und Büsche versperrt ist. Ich laufe die langen Gänge entlang, an deren Seiten jeweils ungefähr 20 Garagen Platz finden, und bin sofort fasziniert von ihrem Aussehen. Die Garagenzeilen, die ich kenne, sind durch eine gewisse Uniformität gekennzeichnet: Alle sehen gleich aus, haben die gleiche Größe und Farbe.
Hier ist es jedoch anders: Die Garagen sind in veschiedenen Farben gestrichen und auch ihre Größe unterscheidet sich von Reihe zu Reihe. Außerdem sind sie auch nicht zu hundert Prozent akkurat oder symmetrisch, sondern scheinen ein wenig schief und nicht ganz rechtwinklig. Fast 200 Garagen verteilen sich auf fünf lange Garagenreihen, die nach hinten durch eine Querreihe begrenzt werden. Dahinter befindet sich ein Weg für Fußgänger_innen und vier große Plattenbauten, zu denen der Garagenhof gehört. Von der Storkower Straße aus betrachtet, befindet sich links von ihm ein ein Heim für geflüchtete Menschen, und rechts ein schmuckloser Industriebau.

Einer von fünf Korridoren, die an beiden Seiten jeweils ungefähr 20 Garagen beherbergen.

Ich verbringe in den folgenden Wochen immer wieder Zeit auf dem Garagenhof und komme dabei mit den Besitzer_innen bzw. Mieter_innen der Garagen ins Gespräch. Nach und nach eröffnet sich mir dabei, was für ein außergewöhnlicher Ort dieser Garagenhof eigentlich ist.
Garagen erscheinen in der westlich-europäischen Kultur als selbstverständlich, sodass viele wohl noch nie über sie nachgedacht oder ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Die Garage ist für sie lediglich ein Abstellraum für Autos. Aber wird sie nicht für viel mehr als das genutzt? Ich möchte genauer wissen, welche Dinge hier aufbewahrt werden und den Raum des Garagenhofes weiter ergründen. Was ist das für ein Ort? Und woher kommt seine ganz besondere Atmosphäre?

Blick auf den Garagenhof von der Storkower Straße.

Es ist Samstag, ein warmer Spätsommertag um die Mittagszeit. Im hellen Licht der Sonne fallen mir besonders die vielen Pflanzen auf, von denen der Garagenhof umgeben ist. Er ist durch einen schmalen Streifen von der Straße getrennt und jeweils am Rand der Garagenreihen wachsen einige Bäume und Büsche. Entlang der Gänge ist der Asphalt zum Teil aufgerissen und ein langer schmaler Riss zieht sich direkt durch ihre Mitte. An den Rändern wachsen niedrige Sträucher aus dem Boden, die kleine gelbe und hellrosa Blüten tragen. Doch ein wenig trocken wirken sie und auch um sie herum platzt der Asphalt sternförmig auf. In Richtung der Plattenbauten befindet sich üppiges Grün. Eine der hinteren Garagen scheint nicht genutzt zu werden, denn der Boden davor ist mit Brennnesseln, Farn und Sträuchern zugewachsen. Erstes orange-braunes Herbstlaub lagert sich am Rand des Gestrüpps, zwischen Grün und Asphalt. In einem der Gänge scheint jemand das Laub zur Seite gefegt zu haben, kleine Reste befinden sich überall an den Wänden und in den Asphaltritzen. Von allen Seiten wachsen die Äste der anliegenden Bäume schirmartig über die Garagendächer.

Ungenutzte Garage, umgeben von Gestrüpp.

Ich habe das Gefühl, mich in einem ganz besonderen Raum zu bewegen, der eine Einheit bildet und sich von dem umliegenden Gelände abgrenzt. Durch die Geräusche von Außen, die leicht gedämpft auf den Hof dringen, fühle ich mich jedoch mit der Umwelt verbunden. Das gleichmäßige Rauschen der vorbeifahrenden Autos und alle paar Minuten das Quietschen und die Bremsgeräusche der Ringbahn nebenan bilden die immer präsente akustische Kulisse. Auf der linken Seite blickt man auf die großen, bunten Plattenbauten, die für die Storkower Straße charakteristisch sind. Mit den vier parallelen Plattenbauten an der Hinterseite verstärken sie das Gefühl des Eingebettet-Seins noch zusätzlich. Ich fühle mich von allen Blicken der Außenwelt geschützt, so als würde dieser Raum mir allein gehören.

Einer der vier Plattenbauten an der Hinterseite des Hofes, zu denen die Garagen gehören.



Überwachsener Durchgangsweg neben den Plattenbauten zum Garagenhof.

Stillleben aus Reifen, Werkzeug und Putzmitteln

Ich beginne die Mieter_innen der Garagen anzusprechen und frage sie, ob ich Fotos vom Innenraum machen darf. Die meisten haben kein Problem damit und so bekomme ich Einblicke ins Innere ihrer Garagen. Dabei hat jede eine ganz besondere Ordnung: Durch die Struktur der Gegenstände in den Regalen und die Kombination von verschiedenen Formen, Farben und Materialien entstehen Gesamtbilder, deren Ästhetik häufig sehr ansprechend ist.

Linke Seite einer Doppelgarage. Reifen, Putzmittel und Sportsachen sind typische Gegenstände in einer Garage.



Rechte Seite der gleichen Garage. Die verschiedenen Farben der Gegenstände in Blau- Grün und Gelbtönen scheinen wie aufeinander abgestimmt.



Eine der Garagen ist belebt, in ihrem Innenraum schraubt ein junger Mann an einem Mofa herum. Ich grüße und bleibe stehen. Ich erzähle ihm von meinem Projekt und frage ihn, ob ich Fotos von der Garage machen darf. Er willigt ein und zündet sich eine Zigarette an, ich tue es ihm gleich und wir unterhalten uns. Ich erzähle ein paar Details über das Projekt, danach befrage ich ihn zu seinem Mofa. Es ist eine alte Vespa, an der er circa zweimal im Monat herumschraubt. Er ist Maschinenbauingenieur und die Arbeit an seinem Mofa ist für ihn ein willkommener Ausgleich zu seiner Tätigkeit am Schreibtisch. Weil es kein elektrisches Licht in der Garage gibt, muss er die Tageszeit zum arbeiten nutzen. Daher ist wohl auch sonst niemand auf dem Gelände, es ist Samstagnachmittag und das Wetter ist warm und sonnig. Wir reden noch ein wenig über Autos und er erzählt mir, dass er aus Neumarkt in der Oberpfalz kommt, wo ich einmal das Maybach-Museum besucht hatte. Die Zigaretten sind geraucht und ich beginne mit dem Fotografieren. Die Einrichtung der Garage hat einen betagten Charme, das Werkzeug und die Dinge scheinen schon alt zu sein.

Die Schraubergarage von Sebastian, 34. Hier findet er Ausgleich zum Büroalltag.

„Ich muss aber zuerst noch aufräumen”

Das ist ein Satz, den ich hier ganz besonders oft zu hören bekomme. Manche Mieter_innen räumen daraufhin sofort ein paar Dinge hastig beiseite, andere kann ich davon überzeugen, ihre Garage genau so zu lassen wie sie ist. Ich frage mich, woher dieses Verhalten kommt, denn eine Garage hat ja nicht primär die Aufgabe, gut auszusehen. Als wir im Seminar anfängliche Assoziationen zum Thema Garagen austauschten, stellte sich heraus, dass viele sie mit Unordnung und Chaos verbinden.
Eine Theorie, mit der sich dieses Phänomen greifen lässt, ist die der Repräsentationsräume von Bourdieu. Der Innenraum eines Wohnzimmers zum Beispiel ist ein Raum der Repräsentation. Hier stellen wir uns so dar, wie wir von anderen gesehen werden möchten. Es sagt etwas sehr persönliches über uns aus: Welche Art von Einrichtung bevorzugen wir? Mögen wir es eher gemütlich oder schick, schlicht oder verspielt? Wir geben uns große Mühe, dass der Raum das, wofür wir stehen, repräsentiert. Anders verhält es sich mit der Garage. Hier bringen wir die Dinge unter, die wir in unseren Räumen der Repräsentation vielleicht gar nicht haben möchten. Für viele hier ist Ordnung eher sekundär, und sie machen sich keine Gedanken, wie der Raum nach außen hin wirkt, da er nicht für ein Publikum bestimmt ist. In dem Moment, wenn ich ein Foto davon machen möchte, wird die Garage vom Nicht-Repräsentationsraum zum Repräsentationsraum. Den Besitzer_innen wird schlagartig bewusst, dass dieser Raum oder sie ihn nach außen hin repräsentiert. Obwohl es in vielen Fällen bereits sehr ordentlich ist und mir gar nicht ersichtlich ist, was eigentlich aufgeräumt werden soll.

Unordnung in einer Garage. Die linke Hälfte dient als Lager, in der rechten steht ein Auto, an dem der Besitzer schraubt.



Garage eines älteren Ehepaars. Ich musste sie überreden, die Sektflaschen stehen zu lassen.

Vom Rentnerausflug bis zum sexy Photoshooting

Ich finde den Garagenhof meist menschenleer vor und habe oft lange Wartezeiten, bevor ich dort auf jemanden treffe. Die Menschen, die die Garagen besitzen oder mieten, sind denkbar unterschiedlich. Viele von ihnen sind Rentner_innen, die die Garagen in den 60er Jahren mit aufgebaut haben, so wie das Ehepaar Hartmann und ihre Freundin Frau Radtke. Ich treffe auf die drei, als sie gerade aus ihrem Wagen steigen. Von Anfang an zeigen sie sehr viel Interesse an meinem Projekt, wollen genau wissen, was ich studiere und wofür das alles sein soll.
Ich unterhalte mich mit Frau Radtke, während die anderen beiden ein paar Meter weiter stehen und ebenfalls in ein Gespräch verwickelt sind. Frau Radtke ist eine hell und elegant gekleidete alte Dame mit kurzem weißem Haar, strahlend blauen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Sie erzählt, dass sie ihren neunzigsten Geburtstag erst vor wenigen Tagen an der Ostsee gefeiert hat, mit all ihren Kindern und Enkeln. Fröhlich und ein wenig stolz berichtet sie, dass die Leute ihr Alter gar nicht glauben konnten, weil sie entweder im Meer planschen oder draußen Tischtennis-Spielen war. Sie treibt viel Sport, fährt gerne Rad und geht spazieren, um in Form zu bleiben. Außerdem hat sie einen Nachbarn, der sie gern zu Konzerten und ins Theater mitnimmt, wodurch sie viel sieht und unter Leute kommt.
Sie ist froh darüber, dass es ihr noch so gut geht. Im Gegensatz zu Frau Hartmann, die früher Ärztin war und jetzt dement sei. Daher kümmern sie und Herr Hartmann sich um ihr Wohlbefinden. Sie gehen spazieren oder machen Ausflüge, wie an diesem Tag in die „Gärten der Welt” in Marzahn. Ich freue mich über diese schöne Begegnung und möchte die drei nicht länger vom Mittagessen abhalten.

Nina, 20 und Stefan, 46, beim Photoshoot.



Eine besondere Begegnung ist die mit Stefan und Nina. Ich fahre mal wieder quer an der Garagenseite entlang, und auf einmal steht da eine junge Frau in schwarzer Unterwäsche mit halb heruntergezogener Unterhose. Ihr rotblondes Schamhaar schaut heraus. Sie lehnt lasziv an der Garage und wird von einem Mann fotografiert. Zuerst fahre ich ein wenig geschockt an der unerwarteten Situation vorbei. Doch dann gebe ich mir einen Ruck, kehre um und spreche die beiden an.
Die Situation ist von Anfang an entspannt und kein bisschen peinlich und wir kommen schnell ins Gespräch. Die beiden machen Fotos für private Zwecke. Nina, ein hübsches Mädchen mit fast weißer Haut, rotblonden Haaren und breitem Mund ist 20. Stefan hingegen ist 46, und sein Dreitagebart schon etwas angegraut. Nina benimmt sich ein wenig überdreht, sie wirkt sehr jung. Die beiden haben jedenfalls kein Problem, sich nochmal in der Postition von gerade ablichten zu lassen – nur das Schamhaar bleibt dieses Mal bedeckt.

Manni in seinem Auto sitzend bei der Zigarettenpause.



Ein weiteres lustiges Zusammentreffen habe ich mit Manni. Ich spreche ihn an, als er gerade an seinem Mofa schraubt. Er scheint sich über die kleine Unterbrechung zu freuen, da er sich von Anfang an sehr gesprächig zeigt. Er erzählt mir, dass er vor einer Woche aus dem Gefängnis entlassen wurde und jetzt äußerst knapp bei Kasse ist. Außerdem hat er Stress mit seiner Freundin, denn die möchte Zeit mit ihm verbringen, während er Freiraum für sich braucht. Deswegen hat er sich jetzt in seine Datsche zurückgezogen und repariert tagsüber in der Garage.

Räume im Raum

Ich habe viele Stunden auf dem Garagenhof an der Storkower Straße verbracht, und bin dabei mehr und mehr in diesen Raum eingetaucht. Dabei durfte ich ins Innere vieler Garagen blicken und die Menschen kennenlernen, denen sie gehören. Jede einzelne Garage ist hier ein kleiner Raum im Raum, der seine ganz speziellen Eigenschaften und Besonderheiten hat. Die eine wird klassisch zum Abstellen eines Autos genutzt, während die andere der Lagerung von Gegenständen dient. Dabei herrscht in mancher Garage penible Ordnung: Die Dinge sind fein säuberlich übereinandergestapelt und haben ihren ganz bestimmten Platz. In einer anderen herrscht wiederum das totale Chaos, und alles liegt kreuz und quer durcheinander. Von Außen ähneln sich die Garagen, aber von innen könnten sie unterschiedlicher nicht sein.

Texte und Bilder von Antonia Morgenroth