Gründergaragen Pankow

Himmelsbach

Jörg Himmelsbach

Der Garagenpächter erklärt den Garagenhof

Die Gründergaragen befinden sich in Berlin Pankow hinter einem Wohnhaus in der Breite Straße. Durch eine Toreinfahrt gelangt man auf den Hof, der aus 120 in U-Form angeordneten Garagen besteht. Fotografierend, Gespräche führend und uns austauschend haben wir diesen Ort entdeckt und ihn mittels ethnographischer Methoden beforscht. Der Garagenpächter war dabei einer der wichtigsten Informanten für uns.

Himmelsbach

Jörg Himmelsbach

Pankower Garagenwelten

Pankower Garagenwelten

Sägespäne rieseln unter dem Garagentor hervor. Jemand jongliert mit Kettensägen. Hinter verschlossenen Türen summt ein Radio. Nachts brennt eine Leselampe, jemand liest am Pult. Sind Garagen nicht weitaus mehr als nur Orte, an denen Autos abgestellt werden?

Die Geschichte der Garage ist zunächst die eines Funktionsbaus. Dem ursprünglichen Zweck des Parkens enthoben, erweist sich die eine oder andere Garage bei genauerem Hinsehen viel mehr als bunter, lebendiger Miniatur-Kosmos. Aus einem funktionalen Ort wird ein Raum, der vieles über die Nutzer_innen aufzudecken vermag. Indem Menschen die Garage auf eine ganz bestimmte Art und Weise nutzen, deuten sie den Raum um. Dinge und Gegenstände erzählen von persönlichen Vorlieben, Fähigkeiten, Interessen, Bedürfnissen aber auch von Problemen, für die die Garage möglicherweise eine kleine Lösung parat hält. Die Dinge und Menschen verleihen dem Ort eine bestimmte Bedeutung, durch sie entwickelt die Garage eine eigene Logik, die mit dem ursprünglichen Nutzungszweck und dem Alltag außen wenig zu tun haben muss.

Einerseits entstehen auf einem Garagenhof in den einzelnen Garagen für sich stehende persönliche Sphären. Zugleich sind einige dennoch in ein Geflecht von sozialen Beziehungen eingebunden, sowohl in Verbindungen mit den anderen Garagenwelten auf dem Hof, als auch mit Alltagswelten außerhalb.

Als Pächter des Garagenhofs hat Jörg Himmelsbach eine besondere Beziehung zu den 120 Garagen. Er erzählt hier von einigen, für ihn prägenden Einblicken in die Pankower Garagenwelten.

Himmelsbach

Jörg Himmelsbach

Der Garagenpächter erläutert die Regeln

Die 11 Regeln der Gründergaragen

Angelehnt an die elf Garagenregeln der HP-Gründergarage sind im Rahmen von ethnographischer Forschung auf der Basis eines Interviews diese von uns formulierten elf Regeln der Gründergaragen Pankow entstanden.

1. Habe eine Vision!

2. Du musst strampeln!

3. Sei wie du bist und lass die anderen sein, wie sie sind!

4. Wir passen aufeinander auf!

5. Hier gilt: Kein Marihuana, kein Waffenhandel, keine kleinen Kinder quälen und keine geklauten Autos zerlegen!

6. Sei unkompliziert!

7. Nimm nicht alles so bitterernst – Lache!

8. Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht!

9. Was du tust, tu es mit Leidenschaft und Inbrunst!

10. Der Garagenhof schottet sich nicht ab!

11. Du musst es nur tun!

Himmelsbach

Jörg Himmelsbach

Was der Garagenpächter uns noch mit auf den Weg geben möchte











Der Wahrnehmungs-
spaziergang
ist eine ethnographische Methode, um einen Ort mit allen Sinnen zu erfassen.

Als Klanglandschaften (bzw. Soundscapes) bezeichnet man Aufnahmen der Geräusche, die in einem bestimmten Raum hörbar und charakteristisch für ihn sind.

Nachweis:
Ralf Lanka mit Co-Autoren. in Media Soundscapes I: Media Soundscapes: Klanguage. Landschaftenaus Klang und Methodendes Hörens. MUK: Siegen: 2006.Das Wort

Soundspaziergang

Um bereits nach ersten Annäherungen an den Garagenhof die Atmosphäre des Hofes und unsere ersten bzw. zweiten Eindrücke aufzunehmen, haben wir Wahrnehmungsspaziergänge gemacht und Soundscapes aufgenommen. Teile von dem, was wir an zwei Tagen im Juli dort gehört haben und was wir danach in assoziativen Gesprächen darüber aufgenommen haben, sind im Folgenden zu finden. Neben Schilderungen der Eindrücke enthalten die transkribierten Gespräche auch Beschreibungen des Ortes.





An einem Samstag im Juli um 13:11

Die ersten Assoziationen

Also ich habe ehrlich gesagt echt gedacht, dass hier jetzt mehr los ist. Einfach, weil Samstag-Vormittag ist. Aber es ist ja wirklich relativ leer. Wobei, das fand ich jetzt spannend, dass in der einen Garage ja offensichtlich jemand drin ist, weil man da was raus hört. Aber eigentlich deutet sonst nichts darauf hin, außer, dass man da halt so leise Töne hört aus der Garage. Aber sonst sind sie sehr schön, finde ich. Ich bin sehr froh, dass es nicht solche schlimmen, solche Rolltor …, weißt du, solche schlimmen Rolltor-Garagen mit Eisentoren sind.

Und ich muss dir ehrlich sagen, mir fällt zu dem Hof gerade gar nicht so furchtbar viel ein. Ich finde dann doch, ich war ja noch nicht hier… das ist aber auch schwierig, wenn man jetzt so viel schon gehört hat, so viele unterschiedliche Geschichten. Offensichtlich ist es ja super organisch, was hier passiert. Hinter den Toren verbirgt sich ganz ganz viel und dann geht man natürlich mit einer anderen Erwartungshaltung hin und dann sieht man aber eigentlich gar nichts, so richtig. Diese erste Garage, die ich gesehen habe, war die einzige, die offen stand, in der rumgeschraubt wurde, so der Klassiker irgendwie. Und dann hier diese eine Garage mit dem Henkerstrick und mit diesen schlimmen bemalten Toren, die so ein bisschen Skandalpotential hat. Aber dafür, dass ich jetzt schon so wahnsinnig viel gehört habe und da natürlich in meinem Kopf auch Bilder zu hatte, finde ich es jetzt gerade sehr unspektakulär.

mehr ... .... weniger

Stimmt. Ich weiß auch noch, als ich das erste Mal hier hergekommen bin, da war es sehr geschäftig. Das war ein Freitag-Nachtmittag, später Nachmittag, 17 Uhr so. Das war total spannend, weil ich so oder so viel später kam und mir erst mal die Videoüberwachung im Eingangsbereich aufgefallen ist.

Ah siehst du, das habe ich jetzt gar nicht gesehen.

Also da oben im Hausdurchgang hängen Videokameras. Und das ist auch so ein gerade frisch renoviertes Haus und da hängt das große Schild, was auch nicht mit der Hand gemalt ist. Gründerzentrum. Gründergarage. Alles so ordentlich. Und hier auch, guck mal wie ordentlich das gefegt ist.

Ja, das stimmt.

Also das ist mir so aufgefallen. Und dann ist der Hof aber alt, also der strahlt auch so eine gewisse … die Tore, da blättert schon ein bisschen die Farbe ab, aber ansonsten ist ja alles total gepflegt. Oder auch der Grund, der Betonboden, der ist irgendwie nicht eben und er hat auch viele kleine Löcher, die schon ausgebessert wurden.

Genau, aber es ist trotzdem…

Aber es ist ein ganz gepflegter, strukturierter Ort.

Ja, das stimmt.

Und das war total spannend. Die Erfahrung war die, dass ich erst dachte… ich hatte schon mein Handy aufgeklappt und überlegt, wen rufe ich an. Aber dann habe ich gemerkt, dass hier ganz viele Leute rumlaufen, die offensichtlich auch irgendwie von den Sophiensaelen sind. Irgendwelche Künstlertypen oder so, die haben hier nicht reingepasst in mein Bild, lustigerweise… Also es war total auffällig, wer gehört hier zum Setting eigentlich dazu und wer nicht. Und dann bin ich hier so lang gelaufen, links, nach hinten und dann habe ich auch schon die Gruppe gesehen. Und der Himmelsbach hat den Leuten gerade die Geschichte von diesen Särgen erzählt.

Ah, ok. Ja, das ist natürlich wirklich spannend, wenn man diese Geschichten bereits kennt und ungefähr weiß, was es hier für Hotspots oder Sachen gibt, die einen narrativen Charakter haben, wo du irgendwie eine Geschichte draus machen könntest. Und dann siehst du es und es sind erst mal nur verschlossene Tore und es ist eigentlich doch sehr unscheinbar.

Und spannend finde ich auch, dass links und rechts diese Häuser sind. Also diese Townhouses, die sind ja schon krass, weil sie einfach so grau sind und eher wie so eine Gefängnismauer aussehen… mit diesen kleinen Fenstern. Und auch da hinten, das ist mir auch aufgefallen, das ist ein unheimlich schönes Haus.

Oh ja.

Das ist wohl die alte Garbáty-Zigarettenfirma. Ich finde, das hier ist so eingefasst für mich. Und das Spannende ist, dass ich das Gefühl habe, das hier ist ein geschäftiger Hof. Obwohl ich hier heute auf den Hof kam und nicht so viel passiert ist, weil jetzt keine Leute hier sind, bis auf wenige. Also ich kann mir so richtig vorstellen, wie hier die ganzen Tore aufstehen und die Leute irgendwie … Und ein bisschen so war das an diesem Freitagnachmittag auch. Da war eigentlich schon relativ viel los.

Ja. Nein, ich meine, es passiert ja auch viel. Es ist ja nicht so, als sei das hier komplett ausgestorben, sondern hier fahren Autos auf und ab. Der fuhr hier gerade auf den Hof und fährt jetzt wieder weg oder hier fuhr gerade ein Fahrradfahrer lang oder jemand ging da vorne zu der Tür...

Da ist jetzt auch innerhalb von zwei Minuten passiert.

Genau. Also es passiert ja schon viel, eigentlich. Es ist ja nicht so, als sei das jetzt hier alles komplett tot. Nach der ersten Runde, die wir gegangen sind, nachdem wir gesehen haben, was die Leute in den Garagen machen, frage ich mich jetzt schon, was haben die gemacht, die hier lang gefahren sind mit ihren Autos und so? Also, warum waren die hier?

Ich finde, dass dieser Ort, weil er ja auch diese U-Form hat, also auch zu allen Seiten hin abgeschlossen ist, eine unheimliche Einheit bildet. Und mir war schon noch bewusst, dass ich in Pankow bin und ich glaube, dass die Flugzeuge mir das am ehesten deutlich gemacht haben. Aber ansonsten ist es ja relativ hoch mit den Häusern und mit den Bäumen, mit dem andern Haus dort hinten und mit der Zigarettenfabrik. Ich fand das total spannend, wie an diesem Ort, weil er so abgeriegelt ist, was eigenes passiert und die Leute wieder raus gehen und Leben links und rechts daneben auch stattfindet. Aber das hat andere Zugänge oder so und es liegt höher. Das ist dieses Bild, was ich auch noch im Kopf hatte von der Garage, von der Garagenzeile, als ich das erste Mal hier war. Also jetzt wirklich in Höhen-Ebenen gedacht, liegt der Ort niedriger. Wenn man direkt zwischen den Garagen steht, in den Einfahrten, dann sieht man das gar nicht, aber wenn man dann so hochguckt, sieht man wieder die Bäume oder so. Es ist ein bisschen so wie, ich weiß nicht… In Innsbruck ist man in den Straßen und man hat nur den Straßenzug. Aber wenn man mal so eine Sichtschneise hat und auf die Berge gucken kann, dann weiß man wieder, man ist in diesem Tal, in diesem Größeren – ein bisschen so.

An einem Samstag im Juli um 13:15

Gedanken zum zweiten Soundscape

Also wir sind jetzt einmal, wenn man auf den Hof kommt, links rum, im Uhrzeigersinn einmal um den ganzen Hof gelaufen und sind auch (laute Krankenwagensirenen im Hintergrund)... das wäre es jetzt natürlich gewesen. Wir haben an manchen Stellen länger inne gehalten und einfach aufgenommen, was wir gehört haben. Und ich fand es jetzt tatsächlich sehr spannend. Die Geräusche, die vom Garagenhof direkt ausgehen, also die hier durch die Menschen, die hier sind, erzeugt werden, die waren sehr behutsam, fand ich. Und teilweise gar nicht vorhanden. Da wurde der Hof so eingenommen von Geräuschen, die außerhalb passieren. Also Vögel, die ganz viel zwitschern, jemand im Nachbarhaus, der oder die Klavier spielte, diese Flugzeuge, die hier permanent rüber fliegen, der Straßenlärm und jetzt gab es ein Radio, das hier auf dem Hof spielte und dieser Akkuschrauber oder was das war der hier mal kurz...

Ich habe vorher auch noch so einen Staubsauger gehört.

Genau. Aber wenig Geräusche, die wirklich auf dem Hof erzeugt werden. Das ist im Grunde jetzt zu diesem speziellen Zeitpunkt ein sehr ruhiger Ort.

Ich finde, das spiegelt ganz schön wider, was ich vorhin schon gesagt habe, wie dieser Hof so eingebettet ist. Man ist hier und nimmt den Hof mit den Garagentoren wahr, aber es ist nicht losgelöst von der Umgebung, wo Menschen Klavier spielen, die Flugzeuge drüber fliegen, die Straßenbahn hört man auch durch das Hoftor schallen, die Autos und …

Ich finde, es ist auch ganz spannend im Anschluss an die letzte Sitzung, wo es um diesen Kapsel-Text ging. Diese Garagenzeilen sind Orte, die nur deshalb funktionieren, weil sie irgendwie an ein Netzwerk angeschlossen sind und weil es Wege gibt, die dort hin und wieder weg führen und weil sie irgendwie mit etwas anderem zusammenhängen. Sie sind darauf angewiesen und brauchen das. Sie werden durch ihr Außen beeinflusst. Gerade diese Klaviermusik, die hier eine ganz skurrile Stimmung erzeugt hat, fand ich. Man wandert und wandelt so über diesen Hof und hört schöne Klaviermusik und es ist irgendwie … eine ganz abgefahrene Stimmung.

An einem Samstag im Juli um 13:34

Austausch über den dritten Soundscape

Also diesmal haben wir einen Komplettrundgang gemacht, um die Mittelgaragen, angefangen von den beiden Stühlen vor der Garage 80, die Werkstatt hinten rechts in der Ecke, wenn man von der Straße her kommt, und sind wiederum im Uhrzeigersinn gegangen.

Wir kamen vorbei an der eben erwähnten Scooter-Garage und der anderen Garage von dem jungen Herren mit dem Motorrad. Beide, sowohl das Motorrad als auch das Moped des einen Kunden der Scooter-Garage liefen, um, ich glaube, einfach bestimmte Dinge technischer Art zu überprüfen. Die Garage mit den Brüdern und dem Nummernschildpolieren war leer. Dafür haben sie da vorne, kurz vor dem Eingangstor, ein Auto gemeinsam auf- oder abgeladen. Die zweite große Geräuschquelle, die wir gehört haben, an der wir vorbeigekommen sind, das waren wieder vor allen Dingen die Geräusche, die nicht vom Garagenhof stammen. Nicht ausnahmslos aber hauptsächlich. Was ich spannend fand im Vergleich zu der Aufnahme davor, wo du festgestellt hast, dass der Hof eine ganz eigene Geräuschkulisse hat, die vor allen Dingen von Geräuschen von Außerhalb bestimmt ist. Jetzt ist es sehr prägnant gewesen, welche Geräusche auf dem Hof erzeugt werden und ich finde die gar nicht mehr so zart oder was hattest du vorhin für ein Wort ...

Nein, genau, behutsam. Nein, waren sie jetzt gar nicht mehr.

Behutsam. Schön war, dass man in dem Moment, wo die Motoren ausgingen oder das Klappern von dem Autoaufladen aufhörte, auch keine Stimmen gehört hat. Da waren plötzlich wieder diese Geräusche von außen präsent und dann wurden auch ganz kleine Geräusche, wie unser zu Fuß laufen und das Knirschen des Kies' und des Sandes oder sogar das Blätterrauschen, das habe ich plötzlich wahrgenommen. Die trockenen Blätter, die über den Boden huschten vom Wind, das war dann wieder präsent.

An einem Mittwoch im Juli um 11:28

Einige Worte zum vierten Soundscape

Man merkt schon, dass heute ein Wochentag ist. Es ist einfach viel mehr los und zwar waren wir das letzte Mal an einem Samstag oder Sonntag hier.



Ja. Die Werkstätten sind offen, man hört vor allen Dingen die Werkstattgeräusche. Zwischendurch, wenn keine Flugzeuge fliegen, hört man die Vögel, Musik vom Radio aus den Werkstätten.

Texte, Gespräche und Bilder von Saija Kontio und Tobias Schmidt;
Interview mit Jörg Himmelsbach, geführt von Tobias Schmidt und Saija Kontio