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Fundstücke

Garagen sind überall – so alltäglich und unscheinbar, dass wir sie kaum bewusst wahrnehmen. Sie sind Teil der Wohnung, des Hauses, der Nachbarschaft. Gleichzeitig sind sie angebunden an ein überwältigendes Netzwerk aus Wegen, Straßen, Autobahnen - die Infrastruktur. Sie sind Ausgangs- und Endpunkte der Bewegung mit dem Auto und verweisen so immer auf ein Anderswo.

Zugleich sind Garagen Dingorte. Sie sind Abstellplatz (nicht nur für das Auto) und Rumpelkammer mit eigener Ordnung.

Garagen sind ebenso oft Orte der Aneignung und Umnutzung, Möglichkeitsräume, Aufenthaltsort oder Werkstatt. Hier werkelt und schraubt man(n) oder feiert improvisierte Feste. In Garagen trifft man Bastler und Profis. Hier beginnen Mythen, multinationale Konzerne werden hier ebenso gegründet wie Punkbands. Garagen scheinen zunächst klassische Männerorte zu sein. (Oder was sagt uns ihr „Imaginäres“, wenn Frauen in Horrorfilmen zuhauf in Garagen ermordet werden?)

Garagen schwanken immer auch zwischen heimlich und unheimlich. Garagen haben die Architektur einer Höhle. Ein Tor schafft die Trennung zwischen drinnen und draußen, zwischen öffentlich und privat. Sie sind Schwellen- und Zwischenräume.

Die Praktiken und Dinge in der Garage lassen Rückschlüsse zu auf allgemeine kulturelle Logiken. Und obwohl das Auto unsere Kultur und Umwelt prägt – so sehr, dass man sagen könnte, wir leben gar in einer Kultur des Automobils – sind Garagen, diese Häuser für Autos, sozialwissenschaftlich bisher kaum untersucht. Wir machen den Anfang und schauen genauer hin.

Assoziationen

Im Hülser Neubaugebiet, lokal auch unter dem Namen “Legoland” bekannt, waren die bunt angemalten Garagentore wie Orientierungspunkte für mich. Wenn die Reihenhäuser mit ihren Fußmatten-großen Vorgärten schon alle gleich aussehen, müssen immerhin die bunten Garagen etwas Abwechslung bringen. Um Angelika zu besuchen, musste man an der orangenen Schnecke vorbei, dann bei Disney’s Dschungelbuch links abbiegen, und wenn die Waldfeen in Sicht kamen, war man fast da.

Der Garagenhof fiel noch in den Bereich, in dem ich mich als kleines Kind alleine bewegen durfte. Da konnten ich und meine Freundin Rollschuh fahren, verstecken spielen und mit Kreide rummalen ohne überfahren oder geklaut zu werden. Unser Garagenhof war der Übergang zur „Wildnis“. Hinter einem rostigen Zaun führten die stillgelegten Bahngleise vorbei, Trampelpfade mit Hundekacke und Brombeergestrüpp. Eigentlich hielt sich außer den Kindern nie jemand dort auf, außer Samstags, wenn alle Nachbarn ihre Autos staubsaugten.

Die Garage meiner Eltern leerte und füllte sich in erstaunlich regelmäßigen Zyklen. Ab dem Frühjahr begannen sich dort immer die Dinge anzusammeln: Möbel und Kartons von der Wohnungsauflösung meiner verstorbenen Großeltern, Umzugskartons, die eine Freundin meiner Mutter bei uns zwischenlagerte, Trödelmarktsachen, unverkäuflich, aber zu schade zum wegwerfen, ein langsam wachsender Fuhrpark an Fahrrädern. Solche Dinge verstopften nach und nach den kleinen Raum, bis es dann im Herbst kälter würde und meine Mutter irgendwann die Schnauze voll hatte, am Morgen die Scheiben des Wagens kratzen zu müssen. Dann lichteten wir stets unter Fluchen das Chaos, bis das Auto wieder in der Garage Platz fand. Das ist die Garage, mit der ich aufwuchs, recht pragmatisch: abstellen, unterstellen, lagern.

Unser alter Nachbar hingegen hatte in seiner Garage eine Werkbank stehen und verbrachte recht viel Zeit darin bei offenem Garagentor. Das war sein Bereich. Ich erinnere mich, dass er dort geheime Schokoladenverstecke hatte, weil seine Gattin der Ansicht war, er würde zu viele Süßigkeiten essen. So seltsam, wie privat und geheim dieser Ort sein kann, dessen komplette Front doch offen und den Blicken fremder Passanten ausgeliefert ist.

Als wir gerade in die neue Straße gezogen waren, feierte jemand in der Nachbarschaft Goldhochzeit. In der Gegend ist es üblich zu solchen Anlässen die Straße mit an Birkenzweige geknoteten Krepppapierrosen zu dekorieren. In der Woche vor dem Fest halfen alle Nachbarinnen die Röschen zu binden und trafen sich dazu in der Garage eines Nachbarn, die dieser zu einem Partyraum ausgebaut hatte. Es ist das einzige Beispiel explizit weiblicher Garagennutzung, an dass ich mich erinnern kann.

Als meine Mutter noch einen kleinen Laden in der Stadt hatte, musste sie jeden Tag ihren Wagen im Parkhaus abstellen. Sie freundete sich ein bisschen mit dem Parkwächter Herr K. an. Herr K. saß immer in dem kleinen Glaskasten an der Abfahrtrampe. Er ließ die Obdachlosen vom Theaterplatz immer in der Tiefgarage aufs Klo gehen und manchmal auch dort übernachten. Herr K. schenkte meiner Mutter jedes Jahr zu Weihnachten selbstgemachtes Badeöl in reich dekorierten kleinen Flaschen, mit viel Glitzer und Duft. Irgendwann hat er Lungenkrebs bekommen. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

von Katharina Luetz

Ich stehe vor dem großen, alten Garagentor bei meinen Großeltern, das auf den Hinterhof zu den Garagenzeilen führt. Es summt kurz, ich hake es ein und und trete hindurch. Nie habe ich meinen Opa mit einem Schlüssel an dem Tor gesehen. Früher hat er mir immer erzählt, das Tor ließe sich nur durch Zauberei öffnen und murmelte dabei ein paar verschwörerische Zeilen. Das glaube ich natürlich seit Jahren nicht mehr. Dennoch denke ich gerade an diese Situation und frage schließlich neugierig nach: „Opa, wie geht denn nun eigentlich das Garagentor auf?“ (Ich glaube das letzte Mal habe ich mich zu Grundschulzeiten mit dieser Frage beschäftigt...) Er schmunzelt und führt mich ein paar Meter zurück zur Haustür. Er drückt auf einen Knopf mit der Aufschrift „Taster“, welcher wie ein ganz normales Klingelschild aussieht und zwischen den anderen nicht weiter auffällt. Kurz darauf höre ich das Garagentor summen. Ich muss lachen. Innerhalb von einem kurzen Augenblick hat sich mein Kindheitsmythos „verwunschenes Garagentor“ in Luft aufgelöst.

In meiner Wohngegend, vor meiner eigenen Haustür sozusagen, gibt es einen besonders spannenden Garagenhof. Dort befinden sich etwa 20 Garagen, die halbkreisförmig angeordnet sind. Eine große Doppelgarage gehört meinem Vater und einigen Freunden. Aus anfänglichen Treffen, bei denen die Männer sich über ihre gemeinsame Leidenschaft "Motorrad" austauschten und an ihren Maschinen schraubten, entwickelte sich ein regelmäßiger Treffpunkt. Schnell wurde daraus mehr als schrauben und freundschaftliches Beisammenhocken. Die Männer gründeten einen Motorradclub, der seit circa sechs Jahren Bestand hat. Mittlerweile ist aus der Schraubergarage eine echte Clubgarage geworden. In den vergangenen Jahren haben sie sich ein beeindruckendes Reich geschaffen. Bar und Tresen, Sofalounges, Tischkicker, Fernseher und viele Kühlschränke für noch mehr Bier sind nur einige Highlights der Ausstattung. An die dunkle, kalte Garage von 2006 erinnert hier nichts mehr.

Doch auch die Jugend zieht nach: Schräg gegenüber haben sich einige (ausschließlich männliche) Jugendliche niedergelassen. Anfangs trafen sie sich ebenfalls dort, um an ihren Maschinen (allerdings nur Motorroller...) zu basteln. Vor allem kreative Prozesse wie das Tunen oder Besprayen konnte ich einige Male beobachten. Doch seit einiger Zeit sieht man abends immer wieder Rauchschwaden aus den kleinen Fensterchen quillen, welche abwechselnd nach Kirsche und Apfel duften. In meiner Siedlung scheint es nun auch eine Shishalounge-Garage zu geben...

Links neben der Clubgarage gibt es noch vier weitere Garagen mit echtem Museumscharakter, wie ich finde. Der Inhaber dieser Garagen, der ein Faible für außergewöhnliche Retroautos hat, beherbergt dort seine kleine Fahrzeugsammlung. Der hellblau gestrichene Innenraum mit seinen zahlreichen Blechschildern, Postern und Bildern im Stil der 50er Jahre nimmt einen regelrecht auf eine Reise in die Vergangenheit mit. Am liebsten habe ich mir immer die Miniaturmodelle von verschiedenen Oldtimern angesehen, die in der Garage verteilt sind.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was auf diesem kleinen, eigentlich sehr unscheinbaren Garagenhof noch alles entsteht. Doch eines ist klar: Garagen scheinen vorläufig ein Spielplatz für Männer zu bleiben.

von Gina Krebs

Beim Nachdenken über Garagen stelle ich fest, dass diese Orte im Alltag meines Lebens so gut wie nie vorkommen. Ich besitze oder miete keine Garage, da ich kein Auto habe.Trotzdem sind mir Garagen auf eine gewisse Art und Weise nicht fremd, da sie in anderen zurückliegenden Lebensabschnitten eine Rolle spielten.

Ich denke unweigerlich an meine elterliche Garage. Der Ort von dem meine Fahrt in die Schule an jedem Morgen begann.; ich das elektrische Tor öffnete und mit dem Fahrrad losraste. Seltener fuhr ich zusammen mit meinen Eltern mit dem Auto zur Schule. Dann waren wir zumeist eine kleine Fahrgemeinschaft mit verschiedenen Zielen. Meine Geschwister wollten auch zur Schule, teilweise zu einer anderen Schule als zu meiner, meine Eltern steuerten ihre Arbeitsstellen an. Bevor das Tor aufging saßen wir zusammen im Auto – letzter ruhiger Moment für wichtige Tagesabsprachen. Die Garage war von Lampen schummerig erleuchtet. Interessanterweise erinnere ich mich eher an Situationen, in der es draußen noch Nacht oder zumindest dunkel war. Meine Mutter stieg stets draußen hinzu, da die Garage eng war und sich der Einstieg ins Auto innerhalb der Garage als nicht komfortabel erwies. Auch deswegen schloss zumeist sie die Haustür ab und mein Vater nutzte die Fernbedienung, um den Rollheber zu schließen.

Die Garage meiner Eltern war weiter ein Raum im Keller des Hauses, der vor allem als Lager diente. Keine wirkliche Verwendung, die von uns Familienmitgliedern klar benannt hätte werden können und doch unentbehrlich. Von Unordnung gekennzeichnet, war es meinen Eltern stets wichtig, dass das Tor nicht zu lang offen steht, damit niemand die Berge von Plunder sehen konnte, denn der Garagenraum war bei offenem Tor gut von der Straße einsehbar. Ich erinnere mich an einige Erklärungen und Entschuldigungen von Seiten meiner Eltern, sollte doch einmal jemand einen Blick ins Innere der Garage erhascht haben, wenn der oder die nicht ein enges Familienmitglied war.

In der Garage standen also die Transportmittel: Autos und Fahrräder. Ja, es gab sogar Zeiten, da war es möglich beide Autos hintereinander in der Garage zu parken. Mehr und mehr parkten in unserer Garage jedoch Werkzeug, Gartengeräte, Maschinen, Sperrmüll, leere Kartons, ein Schuhregal, Pflanzen, aber auch Lebensmittel und Getränkekisten und es war kein Platz mehr für zwei, zeitweise sogar nicht mal für ein Auto.

Ich frage mich, ob meine Garage möglicherweise die Kammer meiner Berliner Altbauwohnung ist?

Eine zweite familiäre Assoziation kommt mir beim Thema Garage in den Kopf. Meine Tante und mein Onkel lebten zu DDR-Zeiten zusammen mit meiner Cousine und meinem Cousin in der Oststadt meiner Heimatstadt, jenem sozialistischen Vorzeigeviertel aus den 1970er-Jahren. Sie hatten eine Garage in einer Garagenzeile, die circa zwei Kilometer von ihrer Wohnung entfernt war. Dort stand ihr Trabi, wenn sie ihn nicht gerade ausführten. Den Weg von der Wohnung zur Garage absolvierte mein Onkel meist mit dem Fahrrad. Dann konnte er das Auto für einen Ausflug holen, um die Familie zuhause einzuladen oder er bastelte an seinem Auto. So installierte er beispielsweise neue bessere Rückspiegel, die er von einem Arbeitskollegen meiner Tante dafür bekommen hatte, dass er dem Arbeitskollegen vier Säcke Zement von der eigenen Arbeitsstelle besorgt hatte. Der ehemalige Besitzer der Deluxe-Variante der Rückspiegel konnte so seine Gartenlaube erweitern. Oft wurden die Kinder mit dem Fahrrad zu meinem Onkel in die Garage geschickt, um ihm während des Schraubens warmes Essen vorbei zu bringen. Sie fuhren also den ganzen Berg, auf dem die Oststadt festungsartig erbaut war, hinunter, unterquerten die Hochstraße, die zur Oststadt führte und schon waren sie an der Garagenzeile, die sich nahe dem Bahngelände, in einer Art Niemandsland befand. Ob sie noch steht?

von Tobias Schmidt

Wenn ich an Garagen denke, dann kommen mir unweigerlich die Garagen meiner Oma in den Sinn. Diese besaß ein Mietshaus, in dessen Untergeschoss sie selbst wohnte. Zu diesem gehörte auch eine Garagenzeile von ungefähr acht Garagen, die den Innenhof umrandete. Es waren einfache Garagen mit braunen Türen und Schildern mit den jeweiligen Nummern darauf. Auf dem Dach der Garagen befand sich Omas „Garten”. Ich erinnere mich nur noch an einige krautige Pflanzen, die darauf wuchsen, und zwei schwarze Liegestühle, auf denen wir immer lagen. Außerdem gab es noch eine grellblaue Kinderplastikwanne in Form einer Muschel, die wohl ein Spielzeug der Kinder der Mieter war.

Die am weitesten links gelegene Garage hatte eine Zeit lang einen Bewohner, was mir heute als eine seltsame Begebenheit erscheint. Die Kleinstadt, aus der ich komme, hat 10.000 Einwohner und genau einen stadtbekannten Obdachlosen, und eben dieser lebte da. Alle nannten ihn nur den „Grimm”, er fuhr immer mit seinem Fahrrad und seiner geliebten Hündin an der Leine durch die Stadt und versuchte die Leute in politische Diskussionen zu verwickeln. Man erzählte sich, dass er sehr intelligent war, das Abitur mit 1,0 absolviert und Philosophie studiert hatte. Irgendwann war er dann psychisch krank geworden und lebte seither auf der Straße. Seine Garage stand immer offen, und er hortete darin alles Mögliche, was er sich aus den örtlichen Supermärkten und Müllhalden zusammencontainert hatte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er immer sehr stolz darauf war, Nahrungsmittel ergattert zu haben, die „noch gut” waren, und oft versuchte er uns etwas von diesen anzudrehen. Meine Oma war eine sehr gläubige Frau, und ich vermute, dass sie ihn aus Barmherzigkeit in der Garage wohnen ließ. Als Kinder haben wir die Tatsache, dass der Grimm da wohnte, auch nicht weiter hinterfragt. Mittlerweile frage ich mich aber schon, ob er sich auch irgendwann mal duschen konnte, wie lang genau er da lebte und unter welchen Umständen sich das alles zugetragen hat.

von Antonia Morgenroth

Meine erste Garagen-Assoziation ist die einer großen Garage, die eigentlich gar keine Garage, sondern eine Scheune war. Ich dachte früher immer, wenn es diese Riesen-Garage nicht gäbe, dann würde das Auto morgens einfach aus Prinzip nicht anspringen, dann wären wir in unserem Haus am Rhein-Ufer gefangen, dann würden wir dort einfach nicht wegkommen. Diese Garage, hat mich im Winter gewissermaßen immer vor der Isolation gerettet, so dachte ich.

Sie erfüllte ihren Zweck und war gefüllt mit allen möglichen abenteuerlichen Dingen, und unserem Auto. Sie war jedenfalls ein Ort, von dessen Nutzen ich 100% überzeugt war, und der mir gleichzeitig gruselig erschien. Ihre Daseinsberechtigung lag gewissermaßen in ihrer klaren Funktionalität. Sie anders zu nutzen als als Garage kam mir gar nicht in den Sinn. „Normale“ Garagen sind mir hingegen immer etwas suspekt. Da verstehe ich oft nicht, wozu sie genau gut sind. Multifunktional, vollgestopft mit praktischen Gebrauchsgegenständen, die man, so scheint mir immer, eigentlich nirgendwo haben will. Da bietet sich die Garage wahrscheinlich an. Sie ist dazu da, Dinge unsichtbar zu machen. Dinge, die wir brauchen, aber nicht um uns haben wollen oder für die wir einfach keinen anderen Ort finden.

In dieser Umnutzung liegt vielleicht auch etwas Geheimnisvolles, sie bietet die Möglichkeit, auszubrechen, alternative Entwürfe zu leben, aber das eben in einem beschränkten Rahmen. Die Garage ist ein Raum der Privatheit und Intimität. Und der Versuch, sie umzunutzen, ist vielleicht ein Versuch, einen jenseits von gesellschaftlichen Normen und Konventionen existierenden Raum zu erschaffen, der in dieser Nonkonformität meiner Ansicht nach irgendwie trotzdem spießig ist, enthält er doch immer eine Komponente des Versteckten, vielleicht der fehlenden Entschluss- oder Willenskraft, etwas auch im „wahren“ Leben auszuleben – er bleibt in jeglicher Hinsicht eine Notlösung.

Kurzum, Garagen haben für mich etwas Mysteriöses, sie sind Orte des Geheimnisses. Orte, die sich ihrem ursprünglich erdachten Zweck oft verweigern. Und oft nicht recht wertgeschätzt werden. Ich war jedenfalls schon lange nicht mehr in einer Garage und eigentlich steht mir auch nicht der Sinn danach. In Parkhäusern oder Tiefgaragen, das natürlich schon. Auch die finde ich unheimlich, das liegt sicher auch an zahlreichen Filmen, in denen beispielsweise mysteriöse Geldübergaben in Tiefgaragen stattfinden und an den Frauenparkplätzen, die mich immer an Fürchterliches erinnern, das Menschen potentiell in einem solchen Gebäude zustoßen kann. Ich denke auch an Absurditäten wie den Versuch, eine Tiefgarage durch Vogelgezwitscher und Verbreitung von irgendeinem frischen Duft in etwas anderes zu verwandeln als das, was sie nun mal ist – ein Ort der Funktionalität. Ein Ort, der für mich eigentlich gar nicht präsent ist, und wenn ich dann doch mal in ihn hineingerate, dann ist er mir suspekt.

von Saija Konito

Das laute Scheppern, wenn der Fußball gegen die als Tor umfunktionierte Garage geschossen wird, steht für mich für diesen Ort. Beinahe kann ich sogar noch das Meckern des Nachbarn hören, der sich wiedermal darüber beschwert, dass wir so laut sind und nicht auf eine Wiese irgendwo gehen, um dort Fussball zu spielen. Halb draußen, halb drinnen, zwischen privat und öffentlich, mal eine Verlängerung des Hauses, mal gemeinsam mit der Garage des Nachbarn als platzschaffende Trennung zwischen den Grundstücken und manchmal auch im Verbund mit vielen anderen als Garagenzeile, abseits des Hauses.

Egal in welcher Form und Anordnung auch immer, die Garage als Ort gehört fest zu meinen Kindheitserinnerungen. Erst heute, da ich schon 5 Jahre nicht mehr bei meinen Eltern, sondern in Berlin lebe, fällt mir auf, dass dieser Ort aus meinem Alltag fast gänzlich verschwunden ist. Dabei habe ich viele gute Erinnerungen daran. Da wäre sofort folgendes Bild: Samstag nachmittag, 15.30 Uhr, das Wetter ist gut, irgendwo im Ruhrgebiet. Alle haben ihr Auto aus der Garage geholt und putzen es. Meist eine Kombination aus Vater und Sohn, manchmal auch mehrere Familienmitglieder. Aus dem Autorradio erschallt die Fußballbundesliga-Konferenz. Das Bild ist schwarz-weiß, die Menschen sehen aus und sind gekleidet wie in den 60er Jahren. Ich weiß gar nicht genau, warum ich daran denken muss, denn es nicht meine Erinnerung. Vielmehr ist es eine lokale Erzählung, wenn man in NRW aufgewachsen ist. Eine andere Geschichte ist die Garage meines Onkels. Er ist Tischler. Seine Garage gleicht mehr einem Materiallager, denn einer Stellfläche für sein Auto – einen BMW-Oldtimer. Vollgepackt mit Holz, Werkbank, Gartengeräten und Dingen, die man noch brauchen könnte, ist seine Garage für mich ein Ort ähnlich einem Dachboden. Es gibt Dinge zu entdecken. Meine Tante regt diese Unordnung in der Garage immer schrecklich auf. Doch das ändert nichts, die Garage ist der Ort im Haus, wo mein Onkel machen kann, was er möchte.

Garagen sind für mich Orte, die manchmal eigene Regeln haben. Dort dürfen die Jugendlichen sich zum Sport schauen oder Spielen mit den Nachbarskindern treffen. Andere leben dort ihre Leidenschaften aus, die nicht in die normale Wohnung gehören oder dort keinen Platz finden. Sie sind Rückzugsort, Spielplatz, Lagerraum, Werkstatt. Selten aber wirklich nur das, für das sie ursprünglich gebaut wurden: Ein Haus für das Auto.

von Heiko Niebur

Feldnotizen

Feldnotizen Garagen in Friedrichshain

Langsam bekomme ich einen Blick dafür, in welchen Gegenden Garagen zu finden sind. Als die Gründerzeithäuser gebaut wurden, hat noch niemand mit der Motorisierung im großen Stil gerechnet. In den engen Höfen der Altbauten sind Garagen also eher nicht zu finden. In Häusern, die innerhalb der letzten 20 oder 30 Jahre im Innenstadtbereich gebaut wurden, ebenfalls nicht. Da hat man sich schon längst darauf eingestellt, platzsparendere Unterbringungsmöglichkeiten für die wachsende Blechlawine zu konzipieren und Neubauten mit Tiefgaragen auszustatten. Es sind also die Nachkriegsbauten, nach denen ich Ausschau halte, die Mietskasernen des Wiederaufbaus West und die Plattenbauten im Osten, die mit ihrer luftigen und begrünten Anordnungen der Wirtschaftswundergeneration Komfort und Annehmlichkeit versprachen. Dazu gehörte dann wohl auch eine ordentliche Unterbringungsmöglichkeit für das neue Auto.

In der kleinen Markusstraße in Friedrichshain, dort, wo der Stil der Plattenbauten schon die Nähe zum Alexanderplatz andeutet, finde ich eine dieser Garagenzeile. Die Gebäude stehen locker in rechten Winkeln angeordnet, mit vielen kleinen Spielplätzen und Grünflächen dazwischen. Auf manchen Rasenstücken zwischen den Gebäuden haben Leute heute bei dem schönen Wetter die Wäsche raus gehangen, an Metallrahmen, die überall stehen, und zwischen die man nur noch eine Leine zu spannen braucht. Ein rares Bild in der Großstadt. Die Garagenzeile, bei der ich mich für eine Weile niederlasse, liegt neben einem kleinen Spielplatz. Eine Frau mit einem kleinen Kind vertreibt sich die Zeit auf der Wippe. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt ein Kindergarten, in dessen Außenbereich gerade eine Kinderhorde tobt.

Es sind elf oder zwölf Garagen mit brau gestrichenen Holztoren, die sich wie Flügeltüren öffnen lassen. Zwischen den einzelnen Garagen sind Metallarme angebracht, mit denen man die Türflügel einhaken kann, um sie geöffnet zu halten. Alle Garagen haben eine Nummer und viele sind mit Schildern versehen, auf denen in den unterschiedlichsten Formulierungen deutlich gemacht wird, dass man vor ihnen nicht parken darf. Die Schilder scheinen nicht von vornherein zu den Garagen zu gehören, sondern von den jeweiligen Mieter_innen oder Besitzer_innen angebracht worden zu sein.

Ich werfe einen Blick um die Ecke, wo zwischen dem von Büschen überwucherten Zaun des Spielplatzes und der letzten Garage in der Reihe noch ein paar Meter Platz sind. In der Ritze zwischen Boden und Wand hat sich ein Baum selbst eingepflanzt, der erstaunlich lange dort wachsen durfte. Der Stumpf, der noch von seiner Existenz zeugt, ist mehr als armdick. Bestimmt ist in dieser letzten Garage der Fußboden von den Wurzeln irgendwann angehoben worden, bevor er gefällt wurde. Jemand hat die Schnittfläche des kleinen Stammes mit fünf Bier Kronkorken beschlagen. Ich denke dass dies das perfekte Versteck sein muss, um als Jugendliche_r verbotene Sachen auszuprobieren, wie heimlich Bier zu trinken. Die Ecke ist von zwei Seiten mit Büschen umgeben, die Garage begrenzt die dritte Seite und durch einen parkenden Wagen ist man auch zur Straße hin perfekt vor fremden Blicken abgeschirmt. Das macht diese Stelle allerdings auch zum idealen Versteck für Bedürfnisbefriedigung anderer Art, wie eine Ansammlung von annähernd kompostierten Taschentüchern weiter hinten im Gebüsch zu bestätigen scheint. In der kleinen Straße ist nicht viel los, bis auf den lärmenden Kindergarten. In den 15 Minuten, die ich dort verbringe sehe ich einen Mann, der mit seinem Hund Gassi geht, ein händchenhaltendes Pärchen und schließlich fährt noch ein Wagen langsam über den betonplattengepflasterten Weg an mir vorbei. Hinter dem Wagen hechelt ein Jack Russel Terrier her. Bestürzt und belustigt schlussfolgere ich, dass der Hund wohl von seinen beiden Besitzer_innen am Steuer auf diese Weise ausgeführt wird.

von Katharina Luetz

Garagenhof Storkower Straße

Es ist Samstag, ein warmer Spätsommertag um die Mittagszeit, als ich den Garagenhof an der Storkower Straße betrete. Im hellen Licht der Sonne fällt besonders das Grün auf, von dem der Garagenhof umgeben ist. Von weitem sieht man ihn gar nicht richtig, weil er durch einen schmalen Grünstreifen von der Straße getrennt ist, und jeweils am Rand der Garagenreihen einige Bäume und Büsche wachsen. Entlang der Gänge zwischen den Garagenreihen ist der Asphalt zum Teil aufgerissen und ein schmaler Riss zieht sich durch ihre Mitte. Zwischen Asphalt und Garagen haben niedrige Sträucher ihren Weg an die Oberfläche gefunden. Sie haben kleine gelbe und hellrosa Blüten, die ein wenig trocken wirken. Um die Stelle, wo sie aus dem Boden kommen, platzt der Asphalt mit der Zeit nach außen hin immer weiter auf.

Entlang der anderen Seite der fünf parallelen Garagenreihen, also innerhalb des Hofes und nicht zur Straße hin, befindet sich wieder üppiges Grün. Eine der hinteren Garagen scheint nicht genutzt zu werden, denn der Bereich vor ihr ist mit Unkraut wie Brennnesseln, Farn, Sträuchern und gelb blühendem Kräutern und hohem Gras zugewachsen. Erstes orange-braunes Herbstlaub lagert am Rand des Gestrüpps, zwischen Grün und Asphalt. In einem der Gänge scheint jemand das Laub zur Seite gefegt zu haben, kleine Reste befinden sich überall an den Wänden und in den Asphaltritzen. Sowohl an der Seite zur Straße als auch an der zu den Plattenbauten hin wächst das Grün der anliegenden Bäume schirmartig über die Garagendächer.

Man hat das Gefühl, sich in einem besonderen Raum zu bewegen, der eine Einheit bildet und sich vom umliegenden Gelände abgrenzt. Durch die Geräusche von Außen, die relativ laut sind, bleibt man jedoch mit der Umwelt verbunden. Das gleichmäßige Rauschen der vorbeifahrenden Autos und alle paar Minuten das Quietschen und die Bremsgeräusche der Ringbahn nebenan bilden die immer präsente Geräuschkulisse. Trotzdem hat man auch in akustischer Hinsicht das Gefühl, ein wenig abgeschirmt zu sein, denn die Geräusche hören sich leicht gedämpft an.

Auf der linken Seite sieht man die großen, bunten Plattenbauten, die für die Storkower Straße charakteristisch sind, und mit den vier parallelen Plattenbauten an der Hinterseite verstärken sie das Gefühl des Eingebettet-Seins noch zusätzlich. Die Garagen selbst bilden fünf parallele Reihen, die senkrecht zur Storkower Straße stehen. An den beiden Reihen am Rand sind nur auf der jeweiligen Innenseite Garagen, die drei mittleren Reihen haben auf beiden Seiten Garagen. Pro Reihe finden jeweils ungefähr 20 Garagen Platz.

Man sieht dem Garagenhof an, dass die Reihen Stück für Stück entstanden sind. Sie sind nicht gleichförmig und symmetrisch, sondern weichen in Größe und Form leicht voneinander ab. Die Garagen der beiden rechten Reihen sind ein wenig tiefer als die der drei linken. Die Türen sind aus Holz und lassen sich von der Mitte her nach beiden Seiten öffnen, in der Mitte werden sie durch Metallschlösser verschlossen. Sie gleichen einem Fleckenteppich, denn sie sind in verschiedenen Farben gestrichen: Die meisten sind hellblau, weiß, grau, dunkelbraun oder grün. So ergibt sich trotz der unterschiedlichen Farbtöne ein stimmiges Gesamtbild, denn alle Farben sind eher pastellig, kühl und dezent und passen gut zueinander.

Man kann sehen, dass die meisten Türen lange nicht gestrichen wurden, denn die Farbe blättert in weiten Teilen vom Holz ab. Außerdem zieht sich gleichmäßig Graffiti über die unterschiedlichen Garagen, wodurch diese in gewisser Weise ästhetisch verbunden werden. Es ist kein professionelles Graffiti, sondern mutet eher an wie die ersten Sprühversuche von Kindern.

Eine Ausnahme in optischer Hinsicht stellt die hintere Reihe der Garagen dar, die den Hof in Richtung der Plattenbauten abgrenzt und quer zu den anderen fünf Reihen steht. Ihre Türen sind alle in einem hellen Blau-Grau gestrichen und sind nicht mit Graffiti besprüht. Sie sehen aber auch nicht wirklich frisch gestrichen aus, und werden dem Anschein nach auch nicht häufig genutzt.

Einige dieser Garagen sind an der Vorderseite stark zugewachsen. In ihrer Mitte befindet sich ein kleiner Einschnitt, ungefähr eineinhalb Meter breit. Durch ihn kommt man auf den Gehweg zwischen den Garagen und den Plattenbauten dahinter. Er gleicht einem Tunnel. Ein riesiger Ast wächst über die Lücke zwischen den beiden Garagen, und üppige Büsche rahmen ihn seitlich ein. Wenn man von außen durch den Blättertunnel in den Garagenhof blickt, dann wirkt dieser schon fast geheimnisvoll, wie ein seltsamer Zwischenraum, der nirgendwo so recht hingehört, weder zum öffentlichen, noch zu einem bestimmten privaten Raum.

Meistens ist niemand auf dem Garagenhof. An diesem Tag schraubt nur ein junger Mann an seiner Simson, er heißt Sebastian und ich habe ihn schon einmal zu seiner Garage interviewt. Nur ab und an kommt einer der Mieter und holt seinen Wagen aus der Garage. Vor allem samstags ist mehr los. Viele der Garagenbesitzer sind Rentner und unternehmen an diesem Wochentag gerne Ausflüge. Heute aber bleibt selbst am Samstag alles still. Manchmal passieren Bewohner des Wohnheims für Geflüchtete links neben dem Garagenhof das Gelände. Eine Familie mit einer hochschwangeren Frau und drei Kindern, die Einkauftüten tragen, laufen am Rand neben der Storkower Straße vorbei. In der Mitte des Hofs begegne ich zwei kleinen Jungs im Grundschulalter, die sich in einer osteuropäischen Sprache unterhalten. Sie benutzen den Hof als Durchgangsweg, aber es fühlt sich komisch an, sich hier zu begegnen. Irgendwie so, als wäre es nicht vorgesehen.

von Antonia Morgenroth

Clubsitzung

Ich packe eine kleine Mappe mit Fragebögen, die ich für mein Projektseminar vorbereitet habe. Diese möchte ich gleich bei/nach der Clubsitzung verteilen. Die Clubsitzungen der 13er beginnen in der Regel um 18 Uhr. Ab 19 Uhr ist dann cluboffener Abend. Wenn die Clubmitglieder ihre Besprechungen abgehalten haben, wollte ich meine Fragen verteilen. Es ist kurz nach 19 Uhr. Ich schlüpfe in meine Schuhe und will mich gerade auf den Weg machen, als mein Handy klingelt. Meine Mutter ist dran und bittet mich, doch noch etwas zu warten bis ich vorbeikomme, die Männer seien in heftige Diskussionen verwickelt. Tatsächlich verstehe ich sie kaum, weil bei ihr im Hintergrund die Stimmen so laut sind.

Um 19:40 Uhr gehe ich los, der Weg ist kurz. Ich biege auf dem Garagenhof ein, und lautes Stimmengewirr dringt zu mir herüber. Ich nähere mich dem Kreis aus Sesseln, der sich vor der Garage gebildet hat.

Wie so oft bei schönem Wetter haben die Mitglieder ihr Mobiliar nach draußen verlegt und sitzen in der Sonne vor dem Clubeingang. Mir fällt auf, dass eine etwas unentspannte Atmosphäre herrscht. Das mache ich daran fest, dass einige der Männer nicht wie gewohnt zurückgelehnt und breitbeinig in den Sesseln fläzen, sondern eher angespannt und nach vorne gebeugt sitzen. Ein Member hat die Ellenbogen auf die Knie gestützt und knetet seine Handknöchel. Dies macht einen herausfordernden Eindruck auf mich, so als wollte er in jedem Augenblick aufspringen.

Die Frauen dagegen machen einen entspannten Eindruck auf mich, da sie alle die Arme auf den Lehnen liegen und die Beine übereinander geschlagen haben. Dadurch, dass sich von den Frauen keine in einer geraden Sitzhaltung befindet, sondern alle zurückgelehnt in ihren Sesseln sitzen, vermittelt dies einen viel ruhigeren Eindruck an der „Frauenfront“ als auf der „Männerseite“.

Schließlich werde ich von Ingo bemerkt, dem Member mit der Glatze, den ich schon in vergangenen Feldnotizen beschrieben habe. Er klopft auf den Tisch und sagt: „Männers, das haben wir ja auch jenug bekaspert, seid mal still. Die Gina wollt noch ne Ansage machen.“ Alles wird still, und alle Augen sind nun auf mich gerichtet. Ich erkläre mich kurz bezüglich meines Fragebogens. Prompt fällt der erste Kommentar: „Wattn, jetzt kriegen wa auch noch Hausaufgaben?“

Meine Bögen werden skeptisch beäugt. Ich habe sie auf den Tisch gelegt und warte bis sich jeder einen nimmt, aber keiner traut sich so recht. Also beginne ich die Bögen zunächst meinen Eltern in die Hand zu drücken, die sind ja sowieso mehr in mein Projekt eingeweiht und beginnen gleich mit dem ausfüllen. Daraufhin greift auch Ingo nach einem Papier mit dem Kommentar: „Na dann lass ma sehen!“ und beginnt zu schreiben. Auffällig ist, dass die Frauen viel offener sind und sich auch gleich interessiert einen Bogen nehmen und sogar nach Kugelschreibern (statt Finelinern) fragen, um besser schreiben zu können.

Meine Eltern, Ingo und die vier anwesenden Frauen sind fleißig am Schreiben. Die restlichen Bögen verteile ich auch, einige lehnen ab mit der Begründung: „Das macht meene Frau. Die kann das sowieso besser.“ Mit meinem Anliegen so viele ausgefüllte Bögen wie möglich zu bekommen, können sie nicht viel anfangen. Sie sind der Meinung, dass sie „eh genau das gleich wie ihre Alte schreiben würden“.

Für einen kurzen Moment herrscht absolute Ruhe auf dem Hof. Man hört nur ab und zu das Rascheln der Fragebögen. Ich freue mich, dass alle, die sich dazu entschlossen haben, mir meine Bögen auszufüllen, offenbar mit hoher Konzentration dabei sind. Zumindest schauen alle angestrengt auf die Bögen, einige kauen auf den Stiften herum oder halten mit den Händen die Sonne ab, um besser lesen zu können. Auch die paar Männer, die die Bögen nicht ausfüllen wollten, schauen neugierig zu ihren Sitznachbarn auf die Blätter.

Ich entferne mich ein Stück, da ich keinem das Gefühl geben möchte, ich würde sie kontrollieren oder beobachten. Ich stehe nun im Schatten an der Nachbargarage gelehnt. Und natürlich beobachte ich das Treiben, das sich nun im Sitzkreis entwickelt ganz genau.

Mit der Stille ist es nämlich schnell vorbei. Die Mitglieder beginnen, sich auszutauschen und über die Fragen gemeinsam zu grübeln. Besonders die Fragen zur Entstehung des Clubs werden im Kollektiv gelöst. Trotz meiner Einführung auf dem Fragebogen, mit der darin enthaltenen Bitte nach eigenständiger Aufgabenlösung, entbrennt nun eine Diskussion darüber, ob es den Club seit 2006 oder 2007 gibt. Man einigt sich auf 2007, wie ich später auch auf allen Bögen lesen kann. Dieser Moment des Austausches ist aber genauso schnell wieder erloschen, wie er aufgeflammt ist und die meisten widmen sich jetzt in Einzelarbeit den anderen Fragen.

„Poppy“, gehört zu den Männern, die keinen Bogen ausfüllen wollten, weil „ditt doch hier viel zu wenig Zeit für“ ist. (In Wirklichkeit hatte er seine Brille vergessen und wollte nicht zugeben, dass er ohne diese absolut nichts lesen kann, wie mir seine Frau später entschuldigend erklärt.) Er fängt an meine Frage zum Club: „Welche konkreten Werte sind dir innerhalb des Clubs wichtig?“ zu thematisieren. „Poppy“ zeigt mit dem Finger auf die Anderen und sagt: „Na, da will ick mal eure Antworten sehen. Dat wäre doch mal spannend was einige da so hinschreiben.“ Ich habe das Gefühl, dass dies eine Anspielung auf die vergangene, anscheinend hitzige Clubbesprechung sein sollte.

Obwohl dies nur so eine Bemerkung von „Poppy“ war, wird mir plötzlich die Wichtigkeit bewusst. Aus eigener Erfahrung kennt man das ja: In seiner Gruppe, im Freundeskreis sind bestimmte Dinge selbstverständlich für alle. Etwa, dass ein Geheimnis, das man innerhalb der Gruppe erzählt vertraulich behandelt wird. Dies ist alles so selbstverständlich, dass niemand es ausspricht und sagt: „Wir sind eine gute Gruppe und passen gut zusammen, weil bei uns die Rangfolge unserer persönlicher Werte folgendermaßen aussieht...“ Gerät man nun in eine Situation wie diese hier, in der man die eigenen Werte benennen soll, die einen als Gruppe ausmachen, schreibt man höchstwahrscheinlich andere Werte hin als der Sitznachbar. (Diese Vermutung bestätigen auch die Antworten auf den Fragebögen, die ich später noch genauer auswerten werde.) Und dennoch funktioniert man als Gruppe, und trifft sich immer wieder gerne und vor allem regelmäßig. Dafür sind die „13er“ ein gutes Beispiel, wie mir gerade klar wird.

von Gina Krebs

Nachträgliche Anmerkungen sind in altrosa gekennzeichnet.

Public-Viewing und Geburtstag

Heute ist anlässlich des Viertelfinalspiels Deutschland gegen Frankreich wieder Public Viewing in der Garage. Doch entgegen der Erwartung, wie bei den letzten Malen eine Sesselfront vor dem Fernseher aufgebaut vorzufinden, ist in der Mitte der Garage Platz für eine lange Esstafel geschaffen worden. Diese besteht aus den unterschiedlich großen, normalerweise im Raum verteilten Tischen. Die Garage ist auch etwas geschmückt, an der Decke reihen sich Luftballons und Girlanden. Diese haben aber nichts mit dem Fußballspiel zu tun, wie man zunächst vermuten könnte, denn die Dekoration ist kunterbunt und nicht in den Nationalfarben schwarz, rot, gold gehalten.

Die Antwort auf die unerwartete Ausschmückung der Garage gibt eine Girlande über meinem Kopf: „Happy Birthday“ steht dort in riesigen Druckbuchstaben. Tanja, die Frau von „Fischi“, einem Member der „13er“, kommt zu mir herübergewuselt und hält mir eine große Platte mit Kuchenstücken unter die Nase. „Na magste auch? Nimm mal, das muss alle werden!“ Sie erklärt mir, dass sie anlässlich des 18. Geburtstages ihrer Tochter mit der Familie und engen Freunden ein Kuchenbuffet und ein Buffet mit kalten Speisen in der Garage ausgerichtet haben, da ihre Wohnung dafür viel zu klein wäre.

Einige der Verwandten und Freunde sind noch da und sitzen im Raum verteilt und quatschen miteinander. Das Geburtstagskind selbst ist natürlich auch anwesend und sitzt mit einem Mädchen und einem jungen Pärchen (das Mädchen sitzt bei dem Jungen auf dem Schoß und gibt ihm gerade einen Kuss) auf der weißen Sesselreihe in einer Ecke der Garage. Ich gratuliere kurz und geselle mich dann zu meiner Mutter an den Tresen.

Mit einem Schlag kommt ein Schwall von Nachbarn und weiteren „13ern“ in die Garage. Es wird sich freudig mit Handschlag oder Umarmungen begrüßt, und alle fangen langsam an, nach Plätzen Ausschau zu halten. Einige blicken sich leicht verwirrt (also mit Blicken den Raum durchschweifend) um. Vermutlich sind sie auch so verwundert über die ungewöhnliche Public-Viewing-Sitzordnung wie ich am Anfang. Dann werden die „Fremdlinge“ bemerkt und daraufhin begrüßen sich die eingetroffenen Nachbarn und Mitglieder und die Geburtstagsgästen. Meist gibt man sich die Hand und nickt sich mit einem Lächeln zu.

Viele der Gäste, die allesamt sitzen, stehen kurz auf, wenn sich jemand zu ihnen herunterbeugt und sie begrüßen möchte. Die Mehrzahl der Neueingetroffenen nimmt an der Tafel platz. Zumindest an den Sesseln, die zum Fernseher gerichtet sind. Die andere Seite der Sessel, die mit der Lehne zum Fernseher stehen, wird einfach umgedreht. Keiner macht Anstalten die Tische zu bewegen oder den Raum sonst in irgendeiner Weise zu verändern.

Die Garage ist allmählich sehr voll geworden, meine Mutter hat sich längst einen Platz vorne vor dem Fernseher gesichert, wo auch die meisten anderen „Old Ladies“ sitzen.

Ich habe mir einen Barhocker geschnappt und platziere mich im hinteren Teil der Garage. Von meiner erhöhten Position aus habe ich sowohl den Fernseher als auch den Rest der Garage gut im Blick. Das Spiel beginnt. Die Stimmung wird immer ausgelassener. Alle schauen fieberhaft auf den Bildschirm, viele kommentieren das Geschehen im Fernsehen und gestikulieren wild dabei. Vor allem die Männer stacheln sich gegenseitig auf. Ich habe das Gefühl, dass sie versuchen sich gegenseitig mit Kommentaren zu überbieten. Gibt es zum Beispiel ein Foul und ein Spieler wälzt sich auf dem Rasen herum, wird dieser als „Rasenlecker“betitelt. Den Ton würde ich allgemein als „rau“ bezeichnen. Darunter verstehe ich einen lauten Umgangston, der gerade auch hier in der Garage herrscht, mit Wörtern gefüllt, die als eher unkonventionell angesehen sind wie „Lusche“ oder wenn ein Spieler vor Schmerzen weint, hat dieser „Pippi in den Augen“.

Ich werfe einen Blick zu den Geburtstagsgästen. Viele von ihnen machen sich bereit zu gehen und greifen nach ihren Jacken. Einige stehen auf und strecken sich. Eine Frau packt hektisch ihre Handtasche. Sie fingert am Reißverschluss herum und rüttelt daran. Zur Halbzeit sind schließlich alle Geburtstagsgäste verschwunden. Auch Tanjas Tochter verabschiedet sich gerade mit ihren Freunden. Wie ich verstanden habe, möchten diese noch in einen Club gehen und „richtig feiern“.

Das Phänomen, dass Außenstehende die nur etwas mit EINER Person des Clubs zu tun haben, oftmals die Garage verlassen, sobald „13er“ und Freunde in der MEHRZAHL sind, habe ich schon oft beobachtet. Neulich fiel ein Geburtstag mit einem cluboffenen Abend zusammen, und die Verwandten waren innerhalb von einer halben Stunde verschwunden. Aus diesen Beobachtungen vermute ich folgendes: Die Garage ist vor allem eine Ort von sozialen Interaktionen für jüngere Leute. Ich vermute, dass ältere Personen, wie zum Beispiel die Großeltern des Geburtstagskindes, etwas verschlossener sind und nicht gewohnt, unter Freunden einen „rauen“ Umgangston anzuwenden. Vielleicht hat es auch einfach damit zu tun, dass es einem manchmal schwer fallen kann, sich in eine (nach außen hin) miteinander vertraute Gruppe einzugliedern.

Meine Beobachtungen haben aber gezeigt, dass jüngere Personen vielfach wiederkamen. Die Garage ist eine gute Möglichkeit mit Leuten in ein Gespräch zu kommen, weil alle sehr offen sind, und „Fremdlinge“ in der Regel sofort angesprochen und somit in eine Unterhaltung integriert werden. Wer also schon einmal durch einen Zufall oder durch ein Mitglied auf ein Fest mitgekommen ist, den sieht man meist nicht zum letzten Mal, sondern mit wachsender Häufigkeit zu anderen Gelegenheiten wie einem cluboffenen Abend oder eben dem Public-Viewing wider.

Die Bikergarage ist ein zentraler Treffpunkt der Nachbarschaft, an dem man neue Kontakte knüpft und auch pflegt. Die Garage ist aber auch ein abgegrenzter Raum in dem Sinne, dass einige Personengruppen die Garage meiden, weil sie wissen, wie es dort zugeht und sich einfach nicht dieser Gruppe zugehörig fühlen. Gerade ältere Verwandte hat man nach Geburtstagen, die mit anderen, öffentlichen Festlichkeiten stattfanden, nicht mehr gesehen.

Bevor es in den Club geht, stoppt das Geburtstagskind noch kurz mit ihrer Freundin am kalten Buffet. Sie schaut sich die Reste an und entscheidet sich schließlich für eine Hähnchenkeule, die sie gleich aus der Hand knabbert. Es ist kaum noch etwas übrig, da Tanja auch den anderen Gästen vom kalten Buffet angeboten hat. Wenn man sich umschaut, bemerkt man tatsächlich hier und da glücklich kauende Menschen. Und das liegt nicht nur an den Knabbereien (Salzstangen, Brezeln, Flips und Erdnüsse), die überall verteilt (und immer von den „13ern“ gesponsert) sind.

Ich bleibe ein bisschen in der Nähe des Buffets stehen und beobachte. Immer wieder kommen vor allem die Männer und greifen nach den restlichen Brot- und Fleischstücken. Das Essen ist auch ein Anlass zur sozialen Interaktion beziehungsweise zur bewussten Nicht-Interaktion. Der Gang zum Restebuffet sieht meist folgendermaßen aus: Zunächst wird das Essen anvisiert, dann schlendert man möglichst gelassen und unbedarft, so habe ich den Eindruck (weil langsamer und leicht wippender Gang) zum Buffet. Ein Anderer, der dies ebenfalls vorhatte und das Buffet gerade anvisiert, steht erst auf und nimmt sich etwas, wenn der Vorige wieder weg ist.

In der Garage ist Teilen eine Selbstverständlichkeit. Es ist beispielsweise typisch, die Speisen von „privaten“ Anlässen mit Membern zu teilen, die aus irgendeinem Grund dazu stoßen. Dann will allerdings niemand in die Verlegenheit kommen, anderen etwas wegzuessen. Ist es dagegen so, dass alle zusammen ein Buffet zu einem gemeinsamen Anlass anrichten, kenne ich es aus meiner Erfahrung so, dass sich dort sofort raufgestürzt wird.

Ich gebe allmählich meinen Posten am Buffet auf und mische mich unter die Leute. In der Halbzeit ist es genauso laut wie bei dem Spiel selbst. Es bildet sich eine kleine Rauchergruppe am Eingang der Garage, (obwohl man auch immer und zu jedem Anlass in der Garage qualmen darf). An der Bar ist nun viel zu tun, die beiden Männer, die heute Tresendienst haben, hantieren mit einigen Flaschen herum. An der Bar findet man immer jemand zum Quatschen. Wenn man gerade keinen Gesprächspartner hat, setzt man sich einfach auf einen Barhocker und wartet einige Sekunden, dann gesellt sich meist jemand zu einem. So auch jetzt. Ich setze mich an die Bar und plaudere kurz mit meinem Papa, der heute Getränke ausschenkt. Kurz darauf kommt meine Lieblingsnachbarin, und schon bin ich in ein Gespräch über Hunde verwickelt, das bis zum Anpfiff der zweiten Halbzeit andauert.

von Gina Krebs

WM-Finale 13.07.14

Ich sitze auf den orangen Clubsesseln in der Garage. Dieses Mal bin ich eine der Ersten, da ich mir heute einen Sitzplatz mitten in der Menge suchen möchte. Für meine Feldnotizen möchte ich immer mal wieder einen anderen Blickwinkel einnehmen und von dort aus beobachten. Heute also ganz zentral in der zweiten Sitzreihe, mitten vor dem Fernseher, auf dem gleich das WM-Finale geschaut wird. Die Garage bleibt nicht lange leer. Kaum habe ich jenen Platz mit meinem Beutel und meiner Cola markiert (und somit gesichert), kommen schon einige Nachbarn durch die Garagentür spaziert. Sobald die Neuankömmlinge entdeckt werden, werden sie auch schon wie üblich freudig mit Umarmungen oder Handschlag begrüßt. Heute fällt diese Begrüßung besonders lange aus, da noch die mitgebrachten Deutschland-Verkleidungen oder Fanartikel begutachtet werden. Diese sind beim Finalspiel natürlich besonders präsent. Auch einige Vuvuzelas von der letzten WM haben anscheinend die Jahre überstanden. Mehrmals ertönt das Quäken der Plastiktröten in der Garage.

Was gibt es noch zu sehen? Ingo trägt beispielsweise eine schwarz-rot-goldene Irokesenschnitt-Perücke und hat sich mit einem breiten, extra dafür vorgefertigten Schminkstift die Deutschlandflagge ins Gesicht gemalt. Dies versucht er auch bei anderen, die seiner Meinung nach noch nicht „finalwürdig“ ausgestattet sind. Bei mir beißt er da leider auf Granit, wie man so schön sagt. Ich finde es ziemlich verwunderlich, dass Ingo versucht die eintreffenden Nachbarn und Freunde anzumalen.

Auffällig ist nämlich, dass die „13er“-Mitglieder am wenigsten nach Deutschlandanhängern aussehen. Ohne Ausnahme tragen sie alle (wie gewohnt) schwarze Kleidung und mindestens ein Kleidungsstück mit ihrem „13er“-Emblem drauf. Ebenso Ingo. Im Gegensatz dazu haben Nachbarn und Freunde einen ganz anderen Stil gewählt. Viele tragen helle Deutschland-Trikots und Fähnchen. Dieser eigentlich krasse optische Bruch zwischen den Members und Außenstehenden wird anscheinend nur von mir bemerkt. Man kennt sie eben nur so: ganz in schwarz und in ihre ganz eigenen „13er-Trikots“ gehüllt, wie ich es jetzt mal in diesem sportlichen Zusammenhang bezeichne. Die „13er“ heben sich als Gruppe von allen anderen Anwesenden in meinen Augen deutlich ab. Ob dies bewusst so ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube eher nicht, sondern vermute eher eine Aufrechterhaltung ihrer Performanz von Männlichkeit und Stärke, denn als ich ein Member mit meiner Beobachtung konfrontiere erklärt dieser mir, dass „dieses ganze Verkleiden nur was für Tunten“ sei.

Auf einmal kommt Bewegung in die Garage. Alle suchen nach einem guten Sitzplatz, denn soeben wurde der Ton des Fernsehers von jemanden laut gestellt und man hat registriert, dass man schon zum Gesang der Nationalhymne vorrangeschritten ist.

Die ersten Spielminuten haben begonnen. Die Reaktionen der anwesenden Fans sind sehr unterschiedlich. Die meisten fiebern in kleinen Zweier-oder Dreiergruppen mit dem Spiel mit. Vor allem von den Frauen sitzt keine allein, sondern immer mit wenigstens einer anderen zusammen. Im gedämpften Ton kommentieren sie das Spiel.

Die Männer sind da schon etwas stimmgewaltiger: es werden Kommentare und Bemerkungen lauthals verkündet, dadurch werden die kleinen Gruppen immer wieder aufgelöst und neu zusammengewürfelt, da sie oftmals auf die in den Raum geworfenen Kommentare eingehen und diese ebenfalls kommentieren.

Es wird gebannt auf den Bildschirm gestarrt. Kommentare wie „Los doch!“, „LAUF!“, „Man pass doch auf!“, „Vorwärts!“ oder einfach nur „AAAH“ erfüllen die Garage. Einige Frauen lassen sich ebenfalls zu lauten Rufen hinreißen, ein lautes „Ich kann da gar nicht hinsehen“ mischt sich unter die lauten Anfeuerungsversuche. Schließlich hält der Torwart der Argentinier den Ball. Ein Grummeln und Raunen geht durch die Sitzreihen, die Leute, die vor Euphorie aufgesprungen sind, setzen sich wieder.

Nach den spannenden und nervenaufreibenden Spielsituationen wird oft ein Tablett oder eine Schüssel mit Salzstangen, kleinen Brezeln oder Flips herumgereicht. Diese vier Sorten sind die üblichen Knabbereien, die es immer in der Garage gibt. Nachbarn und Freunden, die oft zu Festen und Veranstaltungen kommen, ist das offenbar auch schon aufgefallen, denn gerade holt eine Frau Lakritzschnecken aus ihrer Handtasche und meine Mutter fischt ihre geliebten gewürzten Kichererbsen zum Knabbern aus ihrem Beutel. Diese favorisierten und selbst mitgebrachten Leckereien werden aber ebenfalls herumgereicht, und fast jeder langt mal zu.

In der Garage wird gerne miteinander geteilt. Das ist mir schon zu anderen Gelegenheiten aufgefallen. Auch sind alle sehr korrekt mit der Bezahlung ihres Getränkes. wenn mal (in seltenen Fällen) keiner die Bar betreut. Familienmitglieder (wie ich z.B.) dürfen auch selbst hinter die Bar an den Kühlschrank gehen. Dabei hat das Mitglied immer die Verantwortung zu tragen, dass alles bezahlt ist. Von meinem Vater weiß ich aber, dass nie Lücken in der Kasse entstanden sind oder Geld fehlte: „Mal ist mehr, mal weniger in der Bierkasse. Vergisst jemand zu bezahlen, legt er nächstes Mal eben einen Schein rein. Das gleicht sich allet aus“, sagt mein Vater immer und das scheint (für mich erstaunlicherweise) in dieser großen Gruppe auch zu funktionieren.

Zurück zum Spiel. Es ist die 112. Minute. Das Spiel ist in die Verlängerung gegangen. Bei vielen ist Unmut zu spüren, keiner wünscht sich ein nervenaufreibendes Elfmeterschießen. Vor mir fächelt sich Christiane (eine Old Lady) unentwegt Luft zu und wiederholt die ganze Zeit: „Das machen meine Nerven nicht mit, hach, ich bin immer so aufgeregt“. Dann fällt das entscheidende Tor durch Mario Götze in der 113. Minute für Deutschland, welches Deutschland schließlich Weltmeister werden lässt.

Nach Abpfiff des Spiels ist keiner mehr auf den Plätzen zu halten. Alle fallen ihrem Nächststehenden in den Arm. Die lauten Jubelrufe und Gesänge dringen zu mir herüber. Ich stehe jetzt etwas abseits und beobachte das Geschehen. Wirklich alle umarmen sich nacheinander und drücken sich ganz fest. Bei einem kann ich sogar Tränen in den Augen sehen. Die Garagentür wird von jemandem aufgerissen und es ertönen laute Knaller. Anscheinend hat jemand Feuerwerkskörper organisiert. Die Situation kommt mir fast unwirklich vor: Die gesamte Gruppe scheint zu einem riesigen Knäuel zu verschmelzen, alle lachen und tanzen und drücken sich. Ich fühle mich durch die lauten Knalle, die auf dem Garagenhof hallen und die ausgelassene, innige Stimmung wie an Silvester. Dann werde ich aus meinen Gedanken gerissen und auch herzlich von meiner Lieblingsnachbarin umarmt. Ich lasse mich von der freudigen Stimmung anstecken und in das Treiben mithineinziehen.

von Gina Krebs

Bilder
Ausstellung