Bikergarage

Die „13er”

Die Gründungsgeschichte

Ich habe mich im Rahmen unseres Projektseminars „Männer in Garagen” mit einem vermeintlich stereotypen, männlich dominierten Forschungsfeld beschäftigt: einer Bikergarage. Gemeinsames Schrauben, Bier trinken, feiern und natürlich das Motorradfahren stehen auf der Tagesordnung des kleinen Motorradclubs, die „13er”, der sich vor sieben Jahren gründete.
Doch erfüllen die „13er” wirklich jedes „Bikerklischee”?

Durch Feldforschung und Fotos habe ich einen intensiven Einblick in die Sozialgruppe „Biker” bekommen. Vor allem hat mich interessiert, zu welchen Interaktionen es aufgrund der Garage kommt, die die „13er” als Clubhaus nutzen. Die Garage stellt den Hauptsitz der passionierten Motorradfahrer dar. Von hier aus werden alle clubspezifischen Aktivitäten organisiert. Sie ist der Ursprung aller sozialen Aufeinandertreffen der Biker. So fungiert die Garage als Abfahrts-und Zielort von Ausfahrten und ermöglicht es den Fahrern, sich vorher zu versammeln und zu organisieren. Doch man kann die Garage nicht nur als zweckmäßiges, planungsorientiertes Quartier bezeichnen. Die Clubgarage ist vor allem auch der Austragungsort von Festen und Feiern. Durch ihre außergewöhnlich große Fläche von etwa 120m² macht sie entspannte und uneingeengte Zusammentreffen möglich. Der Innenraumes ist aufwendig mit zahlreichen Gegenständen dekoriert. Die Atmosphäre ist urig und rustikalwird.

Die Garage ist immer auch Anlaufstelle für spontane Treffen. Aufgrund der Garage haben die „13er” überhaupt erst die Möglichkeit, ihre gemeinsamen Hobbies wie das Schrauben und Fahren im Kollektiv auszuleben. Nicht selten wird dann ein Schrauber-Nachmittag oder das Ende einer Ausfahrt noch ganz schnell zum Grillabend unter Freunden. Ohne die Garage wären solche sozialen Interaktionen schwierig. Oder hätten Sie ganz spontan Platz die meist 26 Leute – die 13 Mitglieder plus ihre Partner_innen, den „Oldladies” – zu beherbergen? Durch den Möglichkeitsraum „Garage” konnten sich zahlreiche Traditionen wie Feste entwickeln. So findet das „Biketober”, die ursprüngliche Gründerparty der „13er”, dieses Jahr zum 7. Mal statt.

Der bisher wenig erforschte Sozialraum Garage bietet hier offensichtlich zahlreiche Möglichkeiten, sich frei zu entfalten. Die Garage gibt den Bikern die Chance, die gemeinsamen Hobbies fahren, tüfteln und schrauben sowie das freundschaftliche Zusammentreffen auszuleben.

Garage

„Der Vermieter wollte uns ditt jar nich vermieten weil ditt eben so unordentlich war. Haben wa allet selber entsorgt und dann haben wa alles entkernt, allet sauber jemacht, haben ditt jemalert, haben n Tresen rinjebaut und haben uns ne schöne Clubbude draus jebaut.”

Die Philosophie der „13er”

Die „13er” verstehen sich als kleiner Motorradclub, der sich Bikerwerten wie „Bruderschaft”, „Freundschaft” und natürlich dem Motorradfahren verschrieben hat. Dabei ist es allen Mitgliedern wichtig, sich klar von großen, hierarchisch aufgebauten Motorradclubs (genannt MCs) abzugrenzen. Bei den „13ern” soll alles auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basieren, man will Entscheidungen im Kollektiv und demokratisch treffen. Für alle 13 Mitglieder ist der Club ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Allerdings ist die Teilnahme an Ausfahrten oder anderen clubspezifischen Aktivitäten nicht zwingend. Allen Mitgliedern ist bewusst, dass der Club eine wichtige und alltagsprägende Rolle bei jedem Member einnimmt. Die Prioritäten der einzelnen Mitglieder liegen jedoch bei der eigenen Familie und der Ausübung der jeweiligen Berufe.

Oftmals kommt es zu spontanen Treffen: man sitzt dann in oder vor der Clubgarage, trinkt Bier, grillt manchmal oder schraubt zusammen in der separaten Werkstattgarage an einem Motorrad. Keiner unterliegt einer Anwesenheitspflicht, wie man es häufig bei komplexer organisierten MCs vorfindet.

Ein weiterer großer Unterschied zu den populären und größeren MCs ist die Rolle der Ehefrauen und Freundinnen der ausschließlich männlichen Mitglieder. In jedem Interview, das ich führte wurde sowohl von den Membern als auch von den Frauen selbst, die in der „Rockerszene” untypische Einbeziehung der Frauen in Clubsitzungen oder Ausfahrten hervorgehoben. Die Männer des Clubs sehen ihre Frauen zwar nicht als vollwertige Mitglieder an, schätzen jedoch deren Beratung und tatkräftige Unterstüzung bei der Vorbereitung von Festen oder Ausfahrten.

Um ihre Zusammengehörigkeit zu symbolisieren, hat jedes „13er”-Mitglied eine identische Kutte mit einem sogenannten Brustpatch, das ihr Clublogo zeigt. Des Weiteren gibt es noch andere Kleidungsstücke, die entweder das Emblem des Clubs zeigen oder mit der Aufschrift „Dreizehner” versehen sind, welche dann auch die Frauen tragen.

Obwohl die „13er” nicht selten skeptisch beäugt werden, wenn sie ganz in schwarz gekleidet bei einer Ausfahrt als größere Gruppe auftreten, sehen sie sich als Sympathieträger. Es ist ihnen wichtig zu vermitteln, dass Motorradfahrer ganz „normale Menschen” sind, die sich treffen, um gemeinsam Spaß zu haben und Motorrad zu fahren – und nicht um Angst und Schrecken zu verbreiten. Den negativen Schlagzeilen über Biker in Berlin wollen sie etwas entgegensetzen, indem sie bei gemeinschaftlichen Festen und Treffen neben anderen Bikerfreunden auch verstärkt die Nachbarn einladen.

Um es mit den Worten von Ingo (Gründungsmitglied) zusammenzufassen: „Ick hoffe, dass dieser dritte Motorradclub, den ick (...) mitbegründet habe, der letzte is und der Beste bleibt. (...) Man freut sich immer wieder alle zu sehen, man freut sich füreinander da zu sein, den Kontakt zu halten und es sind och enge persönliche Freundschaften jewachsen daraus. Das is eigentlich so unsere Vita!”

Biker und Frauen

„Wichtig is och, dass wir unsere Ehefrauen, Freundinnen und so weiter eng mit einbeziehen. Die helfen uns bei den Feiern, sind och dabei bei den Ausfahrten (...) Aber sagen wa ma so, die Frauen haben natürlich och bei uns n bisschen watt mitzusagen, die können och uns beraten oder stehen uns zur Seite und sind eigentlich ne jute Jemeinschaft.”

Die magische Zahl 13

Anlässlich ihres dritten „Biketobers” 2010 ließen die „13er” zahlreiche Flyer drucken um damit Familie, Freunde und Nachbarn einzuladen. Hier ein Auszug des Flyers, auf dem sie zusätzlich zu Veranstaltungsort und Ähnlichem ein paar ganz besondere Anmerkungen zur Zahl 13 machen:



Hallo,

Wir sind ein paar Leute die gern Motorrad fahren und machen das unter dem Zeichen der 13. Wir möchten euch gerne zu unserem Biketoberfest einladen!

Hier was zur 13:

Die 13 ist erwiesenermaßen die seltenste Zahl bei der Lottoziehung 6 aus 49.

Die 13 im Tarot der Karte „la mort”, dem Tod zugeordnet.

Der Teufel wird auch der „13.” genannt.

Dornröschens böse Fee ist die 13. und steht zwölf guten Feen gegenüber.

In den Vereinigten Staaten von Amerika gilt die 13 sogar als Verschwörungszahl. So ist sie auf der 1-Dollar-Note insgesamt elf mal zu finden, eingebunden in die Bilder und Texte auf dem Geldschein.

Allerdings ist die Zahl 13 nicht in allen Ländern eine Unglückszahl:

In Teilen Frankreichs und im alten römischen Reich gilt die 13 als Glückszahl und in Mexiko sogar als heilig. Im heutigen Italien ist die 13 ebenfalls eine Glückszahl. Dort geht es sogar so weit, dass im örtlichen Fußballtoto (Totocalcio) eine 13 als Volltreffer gilt.

Jetzt brennt uns allen natürlich folgende Frage unter den Nägeln:

Weshalb haben sich die „13er” diesen Namen gegeben?

Darüber scheint man sich selbst im Club nicht ganz einig zu sein...



Tanja, eine der „Oldladys“, versteht die Namensgebung mit der Zahl 13 weniger mystisch.
Hier ein Auszug aus meinem Interview mit Tanja, vom 06.08.14:

Tanja: Die „13er” heißen ja deswegen „13er”, weil es 13 Mitglieder sind.

Ruf aus der Garage (von Ronald, ihrem Mann): „Tanja ditt stimmt doch überhaupt nich! Völlijer Quatsch!”

Tanja: „Was? Na klaaar! Es sind 13 Leute die hier drinne sind.”

Ronald: „Nee ditt hat Ingo mal so bestimmt...”

Tanja: „Na ja sicher! 13 Leute. So!”



Ingo, das Gründungsmitglied sorgt schließlich für Klarheit. Hier ein Auszug aus meinem Interview mit Ingo vom 09.08.14.:

„Da ick meene Frau am 13.September, Freitag den 13. kennenjelernt habe ist 13 meine Glückszahl. Die 13 hat viele symbolische Bedeutungen. (...) Freitach der 13. bringt für viele Unglück und für mich hat er eben Glück jebracht und deshalb hab ick jesagt: nennen wa den Club die 13er!”

Biketober

„Bei uns jehts wirklich darum zusammen zu feiern, ma n paar Leute zu treffen und abzulachen ne. (...) Im Prinzip isset ja och immer ditt gleiche so ne Party: Rockband, Bierchen trinken, Feuerchen, Essen, Zusammentreffen. Aber ditt is immer wieder schön!”

Ausfahrten

„Im Vordergrund steht bei uns das Motorrad fahren. Das heißt dass wir jemeinsam Ausflüge mit unseren (...) Harleys machen und dann fahren wa hier ins Umland, (...). Dann fahren wa meist auch immer noch essen. Oder machen so ne äh ne Tour sag ick ma zum See mit baden gehen oder so ne.”

Fest, Feier und Alltag

Die „13er” richten regelmäßig Feste und Feierlichkeiten aus, die sich in den vergangenen sieben Jahren fest innerhalb des Clubs etabliert haben und die jedes Jahr auf Neue stattfinden: Osterfeuer, Geburtstage, Biketober oder Glühweinparty. Im Jahr sind es mehr als 20 Veranstaltungen. Dabei handelt es sich nicht um kleine Festlichkeiten im engsten Kreise, die Feiern umfassen mittlerweile teilweise bis zu 200 Personen. Das will natürlich organisiert werden. Warum kümmern sich die „13er” um die ständige Organisation dieser Feste? Mit dieser Frage habe ich mich auseinandergesetzt und zusätzlich zu den empirischen Untersuchungen noch theoretische Nachforschungen angestellt. Dabei wollte ich herausfinden, weshalb wir uns dem Stress aussetzen, die eine Ausrichtung komplexer festlicher Aktivitäten mit sich bringt.

Indem wir dem Alltag entfliehen und uns einfach dem Spaß, die Feste mit sich bringen, hingeben, haben wir die Chance, der Wirklichkeit zu entfliehen. Durch die Feste wird ein Ausbruch aus der Monotonie des Alltages ermöglicht. Man vergisst für einen Augenblick all die gewöhnlichen Beschäftigungen und Sorgen. Feste stellen eine Form von individueller und gesellschaftlicher Verarbeitung der Wirklichkeit dar. Durch „verbotene” Aktivitäten, die man sich im Alltag sonst nicht zugesteht (z.B. Alkoholkonsum, laute Musik, wilder Tanz,...), aber im Rahmen der Feste begeht, wird der Alltag aufgebrochen und leichter zu bewältigen:

„Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbotes. Nicht weil Menschen infolge einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes, die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.”
(Sigmund Freud, 1972, S.37)

Darüber hinaus werden durch Zusammenkünfte sozialer Gruppen bestärkt. Die Selbstverständlichkeiten, die innerhalb einer Gruppe herrschen, werden bekräftigt. Durch die Feste wird Gemeinsamkeit und Verlass gestiftet.

Dies wird auch der Hauptgrund sein, weshalb die „13er” mit Vorfreude und Tatendrang an jedes einzelne, zu organisierende Fest herangehen. Auf die Nachfrage, was die „13er” so besonders macht, antwortet Tanja beispielsweise folgendes:

„Is wie Familie. Freunde, Familie, quatschen, Party machen. Das man zusammen is ne, ditt is wichtig! Das man zusammen watt unternimmt und ach allet watt so dazugehört: feiern, Motorradfahren... Ja dis is eigentlich der Hauptgrund.”

Aus diesem Auszug wird ersichtlich, welch hohen Stellenwert Feste, Feiern und Partys bei den „13er” haben. Die Treffen der Biker und die Partys in der Garage werden in einem Atemzug mit Familie und Freunde genannt, die man wiederum sicherlich durch das regelmäßige Ausrichten von Festen öfter zu Gesicht bekommt. Die Garage stellt damit auch einen wichtigen, zentralen Ort für die gesamte Gruppe und ihren Zusammenhalt dar. Sie ist Hauptquartier, Planungs- und Veranstaltungsort zugleich.

Feste

„Bei mir is ditt Party machen, abhotten vor der Bühne! Die Treffen die ick kenne, da will sich keener unterhalten, da wollen sie feiern!”

Texte und Bilder von Gina Krebs